Klingt selbstverständlich – ist es aber leider oft nicht. Vor allem Frauen stehen im Berufsleben immer wieder vor der Herausforderung, ihre Leistung fair vergütet zu bekommen. Ob beim Jobwechsel, in der Jahresverhandlung oder beim Aufstieg in eine Führungsposition: Gehaltsgespräche sind für viele noch immer ein Unsicherheitsfaktor.
Jessica Kreuzer, ehemalige Profifußballerin, systemische Coachin und Verhandlungsexpertin, hat genau hier ihre Mission gefunden: Frauen dabei zu unterstützen, selbstbewusst für ihren Wert einzustehen – strategisch, mutig und klar.
Im Gespräch mit SHE works! verrät sie, warum Gehaltsverhandlungen weit mehr sind als eine Frage des Geldes, welche typischen Hürden Frauen überwinden müssen und wie sie mit ihrer Arbeit dazu beiträgt, strukturelle Barrieren abzubauen.
Jessica Kreuzer Gründerin der Gehalt Offensive Du willst endlich selbstbewusst und strategisch mehr Gehalt verhandeln? Jessica Kreuzer unterstützt dich mit individuellem Einzelcoaching und praxisnahen Online-Trainings – speziell für Frauen, die ihren Wert kennen und durchsetzen wollen. Jetzt mehr erfahren: www.gehalt-offensive.de
Frau Kreuzer, Sie haben sich einem Thema verschrieben, das viele betrifft – über das aber kaum jemand spricht: Gehaltsverhandlungen. Warum liegt Ihnen dieses Thema so am Herzen?
Weil ich selbst davon betroffen war und gleichzeitig gesehen habe, wie das Thema Gehalt und Gehaltsverhandlungen insbesondere bei Frauen immer noch tabuisiert wird. Am Anfang meiner Karriere habe ich mich aus Angst vor Ablehnung nicht getraut, eine Gehaltserhöhung anzusprechen. Doch als meine Position nach meiner Beförderung mit 30 % mehr Gehalt nachbesetzt wurde, wusste ich, ich war unterbezahlt und ich bin nicht alleine. Als Führungskraft beobachte ich dieses Muster immer wieder und wieder. Männer forderten oft selbstbewusst mehr Gehalt und Frauen waren aus Unsicherheit, Angst oder Loyalität sehr zurückhaltend. Und so begann meine Reise zur Verhandlungsexpertin und die Gründung meines Unternehmens „Gehalt Offensive“.
Und am Ende geht es um so viel mehr als nur ums Geld. Es geht um Selbstwert, Sichtbarkeit und gleichwertige finanzielle Anerkennung.
Ende letzten Jahres haben Sie die Entscheidung zur eigenen Selbstständigkeit und der Gründung von Gehalt Offensive getroffen. Was war der Auslöser für diesen Schritt?
Ich habe viele Jahre in verantwortungsvollen Positionen gearbeitet, unter anderem in Führungspositionen im Vertrieb und im Recruiting. Doch ich habe gespürt, dass mich das Thema Gehaltsverhandlungen für Frauen einfach nicht loslässt. Jeden Tag sah ich, wie sich tolle, leistungsstarke Frauen unter Wert verkaufen. Zeitgleich wurde die neue Gender-Pay-Gap-Statistik veröffentlicht: 16 % beträgt die Lücke, bereinigt liegt sie immer noch bei 6 %. Da wurde mir klar: Ich kann und will etwas ändern. Und wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, dann setze ich es auch schnell um. So kündigte ich meinen sicheren und gut bezahlten Job und gründete die „Gehalt Offensive“, um mich voll und ganz auf das Thema zu fokussieren.
Welche Erfahrungen bringen Sie aus Ihrer beruflichen Laufbahn für die Gehaltsverhandlungen mit?
Ich bringe über zehn Jahre Führungserfahrung mit, unter anderem im Vertrieb, Business Innovation und im Controlling. Ich habe zahlreiche Verhandlungen geführt und durfte unzählige Gehaltsgespräche im Rahmen des Recruitings begleiten. Ich kenne also beide Seiten des Verhandlungstisches und weiß, was funktioniert. Gleichzeitig eignete ich mir Unmengen an Wissen an, besuchte zahlreiche Verhandlungstrainings und übersetzte dieses theoretische Wissen (meist von Männern für Männer) in ein praxisnahes Gehaltsverhandlungsprogramm, speziell für Frauen. Frauen dürfen und sollten auf ihre ganz eigene Art und Weise verhandeln. Dieses Wissen kombiniere ich mit meiner systemischen Coachingausbildung. So kann ich nicht nur Verhandlungsstrategien und -taktiken betrachten, sondern auch Glaubenssätze und das Thema Mindset einbeziehen.
Was sind die häufigsten Hürden, die Frauen in Gehaltsverhandlungen erleben?
Da ist zum einen die innere Hürde. Bin ich wirklich so viel wert? Traue ich mich, diese Summe laut auszusprechen? Zum anderen sind es gesellschaftlich geprägte Muster: Frauen, die über ihr Gehalt sprechen, gelten schnell als zu fordernd. Oft fehlen Vorbilder und konkrete Werkzeuge, die zeigen, wie ein solches Verhandlungsgespräch souverän geführt werden kann. Deshalb ist mein Ansatz zweigeteilt: Ich arbeite sowohl am Selbstwert, also dem inneren Fundament, als auch an der konkreten Verhandlungsstrategie. Nur beides gemeinsam bringt nachhaltige Ergebnisse.
Ihre eigene Geschichte begann im Profisport. Inwiefern hat Sie das geprägt?
Mit 19 war ich in der 1. Fußball-Bundesliga aktiv und erhielt eine Aufwandspauschale von lediglich 800 Euro im Monat. Mein männliches Pendant hätte davon vielleicht die Sportschuhe gekauft. Damals verstand ich nicht, warum das so war. Heute weiß ich: Ich war mittendrin im Gender Pay Gap. Rückblickend war dies sicherlich der Startpunkt für meinen Wunsch, Systeme zu hinterfragen und Frauen zu stärken, die sich in solchen Ungleichgewichten wiederfinden. Der Sport hat mir Disziplin, Ausdauer und Mut vermittelt. Aber er hat mir auch gezeigt, wie stark finanzielle Ungleichheit in allen Bereichen und Branchen ausgeprägt ist.
Sie haben zuletzt bei Formaten wie TheLeague Impulsvorträge gehalten. Wie reagieren die Teilnehmerinnen auf Ihre Inhalte?
Anfangs konnte ich die Unsicherheit im Raum deutlich spüren. Doch nur wenige Minuten später drehte sich das Blatt und die Frauen sagten: „Endlich spricht es mal jemand aus.“ Einige Frauen waren überrascht, wie viel Strategie tatsächlich hinter Gehaltsverhandlungen steckt. Andere sind erleichtert, mit ihren Zweifeln nicht allein zu sein. Oft höre ich Sätze wie: „Ich hätte mir all diese Tipps vor zehn Jahren gewünscht. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Gehalt ich inzwischen habe ‚liegen lassen‘.”
Das zeigt mir, dass Räume, in denen Frauen sich austauschen, voneinander lernen und sich gegenseitig stärken, wichtig sind. Ich erlebe, wie sich mit jedem Aha-Moment die innere Haltung verändert – und das ist der erste wichtige Schritt.
Sie werden demnächst eine Artikelreihe bei SHE works! veröffentlichen. Was dürfen unsere Leserinnen erwarten?
In der 4-teiligen Reihe teile ich erprobte Tools, psychologische Tricks und reale Gesprächsbeispiele aus Verhandlungen, die funktioniert haben. Es werden Fragen behandelt wie: Wie bereite ich mich auf die Verhandlung vor? Woher weiß ich überhaupt, was ich an Gehalt fordern kann? Wie gehe ich mit einem niedrigen Gegenangebot oder Totschlagargumenten um? Gleichzeitig zeige ich, wie wichtig es ist, den eigenen Wert nicht nur zu kennen, sondern auch zu vertreten. Denn wie Michelle Obama sagt: „You don’t get what you don’t ask for.“
Zum Schluss: Was möchten Sie Frauen in Führungspositionen und Gründerinnen mitgeben?
Ich erinnere mich noch an einen Satz von Michelle Obama: „Change will not come if we wait for some other person or some other time.“ Für mich ist dies mehr als nur ein Zitat, denn es hängt an meinem Spiegel und ist mein täglicher Antrieb. Ich warte nicht darauf, dass sich Strukturen und Gesetze langsam verändern, sondern gehe mutig voran. Denn wir können immer einen Teil selbst beeinflussen und ändern. Habt also den Mut, für eure Ideen und Visionen einzustehen, und versucht es einfach. Mehr als dass es nicht funktioniert, kann nicht passieren.
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