Von der Vision zur Umsetzung: Warum die Gründerin HipHop Ball-Kultur mit unternehmerischen Fähigkeiten verbindet.
Sajeh Tavassoli steht für eine Generation von Gründerinnen, die Kreativität zu Wirtschaftskraft antreibt. Für sie ist Kultur kein idealisiertes Konzept, sondern ein Wirkungsfeld, das Strategie, Organisation und innere Stärke verlangt. Die Wienerin mit iranischen Wurzeln verleiht künstlerische Leidenschaft durch unternehmerische Präzision zu einem Format, das gesellschaftliche Vielfalt sichtbar macht und zugleich wirtschaftliche Tragfähigkeit ermächtigt.
Als sie 2015 den ersten HipHop-Ball initiierte, trafen zwei Welten aufeinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten: die klassische Wiener Ballkultur und die urbane Hochkultur des HipHop. Aus dieser Verbindung ist eine Plattform entstanden, die Wandel ermöglicht. Im Rahmen dieser Unternehmung entstehen transformative Konzepte und Räume, etwa die Graffiti-Vernissage im Roten Rathaus oder der urbane Walzertanz, eine von den Flying Steps choreografierte Neuinterpretation von Johann Strauss „An der schönen blauen Donau“. So schafft sie gemeinsam mit ihrem Team stattfindende Projekte, in denen sich Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft gegenseitig inspirieren und stärken.
Von Wien in die Welt
Nach ihrem Studium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien begann Tavassoli ihre Laufbahn im Marken- und Kulturmarketing. Mehr als 16 Jahre arbeitete sie in den Bereichen Brand Strategy, Social Media und Storytelling, davon über ein Jahrzehnt bei adidas. Dort war sie an internationalen Kampagnen beteiligt, die Kultur, Emotion und Marke miteinander verbanden. Diese Erfahrung prägte ihren Blick auf das Unternehmertum nachhaltig und ließ sie erkennen, dass Marken nur dann relevant bleiben, wenn sie ihre innere Überzeugung in Handlung übersetzen – also Werte in Erlebnisse und Resultate verwandeln.
Dieses Verständnis von kultureller Relevanz als strategisches Werkzeug, um Marken kulturell zu verankern, gesellschaftliche Themen strategisch zu platzieren und wirtschaftliche Wertschöpfung zu erzeugen, prägt den Kern ihrer Arbeit. Tavassoli denkt Projekte nicht nur kreativ, sondern auch operativ – vom Konzept über die Mechanik bis zur Umsetzungskette. Jeder Schritt wird bewusst geplant, jede Perspektive geprüft. Gleichzeitig bleibt Raum für Flexibilität, Feedback und Anpassung, um Prozesse agil zu halten und Qualität zu sichern. Entscheidend sind dabei das Timing, klare Abstimmungen und die enge Zusammenarbeit mit allen Stakeholdern. So entstehen Projekte, die nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern auch operativ verlässlich, messbar erfolgreich und partnerschaftlich nachhaltig sind.
Zwischen Tradition, Transformation und Aufbruch
Im Jahr 2015 entwickelte sie in Wien die Idee, die traditionelle Ballkultur mit der urbanen Ausdrucksform des HipHop zu vereinen. Aus diesem Konzept entstand der HipHop Ball – ein Raum, in dem gesellschaftliche Vielfalt sichtbar wird und Begegnung auf Augenhöhe stattfindet. Mittlerweile hat sich das Format als feste Größe etabliert und wird künftig auch in Berlin ein Zuhause finden. Unterstützt von Marken wie Uber, Red Bull, got2b, Wirtschaftskammer Wien, Mampe Berlin und Madame Tussauds Berlin steht der Ball für Zusammenhalt, Sichtbarkeit und das Recht jedes Menschen, Teil von Kulturwirtschaft zu sein, unabhängig von Herkunft, Stil oder sozialem Status.
Kulturwirtschaft braucht System und Spielraum
Gründen im Kulturbereich bedeutet für Tavassoli, Ideen in belastbare Systeme zu überführen. Zwischen Idealismus und Realität zu bestehen, erfordert Disziplin, Organisationsstärke und Entscheidungsfreude. Denn Kreativität, sagt sie, entfaltet nur dann nachhaltige Resultate, wenn sie mit unabhängiger Rahmensubstanz ausgestattet wird.
Ihre Arbeit folgt dabei einer klaren Überzeugung: Kulturelle Freiheit braucht ökonomische Stabilität. Künstlerisches Denken und wirtschaftliches Handeln bilden für sie keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Verantwortung. „Wer unabhängig gestalten will, muss Strukturen schaffen, die Bestand haben – auch jenseits von Förderlogiken oder kurzfristigen Trends.“
Authentische Führung in der Kulturwirtschaft
Seit ihrem Umzug nach Berlin 2018 hat sich Tavassolis Rolle weiterentwickelt: von der kreativen Initiatorin zur strategischen Kulturunternehmerin. Sie führt Teams, entwickelt Partnerschaften und navigiert zwischen künstlerischem Gestaltungs- und Freiheitsanspruch und wirtschaftlicher Realität.
Ihr Führungsverständnis beruht auf Integrität, Professionalität und Entscheidungsstärke. „Wertebewusstsein zeigt sich in der Art, wie man handelt – nicht, wie man kommuniziert“, sagt sie. Diese Einstellung prägt auch den Umgang mit Partner:innen und Mitarbeitenden. Tavassoli setzt auf Transparenz, Leistung, Verlässlichkeit und den Mut, Verantwortung zu übernehmen – gerade dann, wenn Entscheidungen unbequem und Rahmenbedingungen schwierig sind.
Kultureller Wandel durch Einbindung aller Stakeholder
In einer Branche, die oft von Idealismus und politischer Einmischung geprägt ist, betrachtet Tavassoli unabhängige Umsetzungsfähigkeit als zentrale Kompetenz. „Erfolg entsteht dort, wo Leidenschaft auf Strukturierungsfähigkeit trifft“, erklärt sie. Jedes Projekt bedeutet Risiko. Doch wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, schafft eine ganz besondere Wirkung.
Diese konsequente Haltung macht sie zu einer Vorreiterin einer neuen Gründerinnen-Generation: Frauen, die Kultur mit Wirtschaftsfaktor verstehen und gleichzeitig gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Urbane Kultur als Wirtschaftskraft
HipHop – die Bewegung, aus der Tavassolis Format entstanden ist – gilt heute als einer der stärksten kulturellen und ökonomischen Treiber der Gegenwart. Aus einer einst marginalisierten Subkultur ist ein globales Netzwerk aus Musik, Mode, Medien und Marken geworden. Ständig erwachsen aus ihr frische Ideen. HipHop gibt jungen Menschen stets und überall Zugang und Ausdrucksmöglichkeit. Für Tavassoli beweist diese Entwicklung, dass Kreativität und Wirtschaftlichkeit einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig stärken.
„Kultur schafft Werte – ökonomisch, sozial und emotional“, sagt sie. „Deshalb brauchen wir mehr Gründerinnen bzw. Unternehmerinnen, die diesen Zusammenhang verstehen und mutig gestalten.“
Fazit: Jeden Tag einen Schritt tatsächlich umsetzen
Sajeh Tavassoli verkörpert eine neue Form weiblicher Führung in der Kulturwirtschaft: analytisch, unabhängig und zielorientiert. „Kultur verdient denselben Stellenwert wie Technologie oder Design“, betont sie. „Und wer sie schafft, verdient wirtschaftliche Anerkennung.“ Wirkung erfordert Erfahrung, operative Klarheit, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und eigenes Risiko zu tragen. Nur wer flexibel bleibt und Wandel aktiv integriert, kann Brücken zwischen Tradition und Moderne schlagen und Visionen in Ergebnisse verwandeln.
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Inhalte generiert, erinnert sie daran, dass Sinn, Empathie und Vision menschliche Aufgaben bleiben.
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