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Der wirtschaftliche Dreifall der Selbstständigkeit

Von Julia Malz

Wie die wunderbare Realität der Selbstständigkeit an drei einfachen Umständen scheitern kann und wie man diesem Dreifall begegnet.

Aus der Gründerperspektive betrachtet, scheint eine Selbstständigkeit oftmals ein ähnlich komplexes existentielles Unterfangen, wie einem Säugling aus den vollgeschissenen Windeln hin zur akkuraten Lösung der Vektorenrechnung in der Abiturklausur zu hieven. Der Status ‚selbstständig‘ denotiert idealer Weise gestalterische und finanzielle Unabhängigkeit eines nur der eigenen Vorstellung unterliegenden Projekts.

Frei von sämtlichen Zwängen, die ein klassisches Arbeitnehmerdasein definieren, kann man hier ganz für sich und nach eigenem Gusto den ökonomischen Sandkasten ohne Stützräder umkreisen, während man den sehnsüchtig dreinblickenden Heerscharen derer, die ihren Urlaub noch einreichen müssen oder eine nicht ganz unternehmenskonforme Strategie durchboxen wollen, einen Handkuss zuwirft.

So das Ideal. Nun sieht die karge Realität der Selbstständigkeit bisweilen allerdings weit anders aus. Zunächst gilt es zu begreifen, dass man sich allerlei Finessen eines Hochstaplers bedienen muss, um tatsächlich erst einmal Erfolg zu suggerieren.

Wie der Wirt eines neuen Szene-Restaurants, der die ersten Wochen nach der Eröffnung konsequent jedes Reservierungsgesuch mit den Worten ‚Wir sind schon ausgebucht‘ mit Tränen in den Augen abkanzelt, muss eine frische Selbstständigkeit dem alten Credo ‚Willst Du gelten, mach Dich selten!‘ folgen.

Denn Begehrlichkeit nach dem eigenen Produkt schafft erst der, der zumindest erfolgreich vorgibt, mit seinem Produkt oder seiner Dienstleistung auf eine dürstende Herde an Kunden getroffen zu sein.

Der Wert des Angebots

Hat man das eigene Unterfangen erst einmal begehrlich trocken gewickelt, geht es an die reelle Wert-Schätzung des Angebotenen. Wer sein Produkt oder seine Dienstleistung zu einem zu frühen Zeitpunkt der Verhandlung zu günstig anbietet, um überhaupt erst einmal einen Fuss in den Markt zu setzen, erscheint nicht großzügig, sondern im schlimmsten Fall bedürftig.

Hier schubst sich so mancher Selbstständiger ungewollt die Treppe der Wirtschaftlichkeit hinunter. Der Dreifall lautet an dieser Stelle:

  • Die Uraltrechnung von Zeitaufwand versus Preis wird in der Kalkulation der Leistung ignoriert.
  • Ein grundsätzlicher Rabatt auf jede Erstbestellung / jeden Erstauftrag wird eingeräumt.
  • Für Freunde liefert / kreiert man in der Regel alles umsonst.

Der Preis der Leistung

Was aus patriarchalischer Sicht recht trivial formuliert für den Nachwuchs gilt, lässt sich somit ohne große Mühe auf das Wiegenkind Selbstständigkeit übertragen. Selbstständig werden ist nicht schwer, selbstständig sein dagegen sehr. Wenn man den obigen Dreifall nun auf diesen an sich wunderbaren Versuch der gestalterischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit überträgt, lassen sich folgende Regeln festhalten:

  • Der Preis für die eigene Leistung ist eine Kalkulation, die sich erst aus der Erfahrung des eigenen Leistungspotentials im Hinblick auf Disziplin und Umsetzungsfähigkeit errechnen lässt und somit eine (nachträgliche!) Korrektur nach oben erlauben muss.
  • Die eigene Leistung darf und muss von Anbeginn mit Leidenschaft und Perfektion ausgeführt werden, damit die Hintertür der Rabattofferte nicht als Entschuldigung für indiskutables Zurückbleiben hinter dem eigenen Leistungsversprechen in Betracht gezogen werden kann.
  • Freunde sind dies ihres Zeichens nach nur im privaten Bereich. Sobald das angebotene Produkt / die angebotene Dienstleistung das Leben des jeweiligen Gegenübers auch in wirtschaftlicher Sicht bereichert oder erleichtert, gelten die gleichen Bedingungen wie bei völlig unbekannten Kunden oder Geschäftspartnern.

Es darf an dieser Stelle die Behauptung gewagt werden, dass das wirtschaftliche Abiturzeugnis in punkto Selbstständigkeit bei Befolgen dieser Regeln in diesem Fall zumindest cum laude verliehen werden darf.

 

   Julia Malz

zog es 2001 aus dem Rheinland an die Elbe. Im neuen Heimathafen Hamburg schreibt sie seit 2009 als freie Journalistin und Autorin für Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsformate aller Couleur.

Das Berufsfeld des Freien Schreibens ist für sie Herausforderung und Inspiration zugleich. Die Etablierung der eigenen Person als Marke bei gleichbleibender Authentizität, Flexibilität und konsequenter Leistungssteigerung sieht sie als wichtige Pfeiler erfolgreicher Selbstständigkeit.

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