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Equal Pay Day 2020: ver.di fordert Aufwertung von Frauenberufen

Als „ernüchternd und ein Armutszeugnis für die Gleichstellungspolitik in diesem Land“ bezeichnet ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger die seit Jahren andauernd hohe Entgeltlücke von 21 Prozent zwischen den Geschlechtern aus Anlass des heutigen Equal Pay Days 2020.

„Frauen schultern für diese Gesellschaft unermesslich viel. Sie leisten immer noch den größten Teil der häuslichen Sorgearbeit und sie halten die ganze Gesellschaft mit ihren unverzichtbaren Tätigkeiten in der Pflege, Bildung, Erziehung oder im Handel aufrecht, um nur einige Beispiele zu nennen“, so die Gewerkschafterin, die bei ver.di für Frauen- und Gleichstellungspolitik zuständig ist.

Ganz aktuell und ganz besonders gilt das auch für die Bewältigung der Corona-Krise, bei der gerade in den genannten Branchen unzählige Frauen die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen – vielfach unter schwierigsten Bedingungen!

„Dafür nehmen sie schlechtere Bezahlung in sogenannten frauentypischen Berufen in Kauf, sie mindern mit Teilzeit dramatisch ihre späteren Rentenansprüche, sie werden bei Karrierechancen ausgebremst. Oder sie werden von ignoranten, diskriminierenden Chefs für die exakt gleichen Tätigkeiten wie Männer schlechter bezahlt. Das alles ist ein fortwährend großes Ärgernis!“

Aufwertung frauentypischer Berufe nötig

Die Möglichkeiten, diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu bekämpfen, lägen seit Jahren auf dem Tisch: „Wir brauchen eine spürbare Aufwertung frauentypischer Berufe. Wir brauchen aber auch eine andere Unternehmenskultur, etwa mit kurzer Vollzeit, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert, die gerechtere Verteilung der Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern ermöglicht und Frauen, die familiär bedingt Teilzeit arbeiten, karrieretechnisch nicht auf das Abstellgleis geschoben werden. Es bleibt weiterhin leider sehr viel zu tun“, so Nutzenberger.

Stefanie Nutzenberger, Bundesvorstandsmitglied der ver.di und zuständig für Frauen- und Gleichstellungspolitik
Zehntausende waren bereits am Sonntag, den 08. März 2020, in Deutschland auf den Straßen, um auf die strukturelle Benachteiligung und schlechtere Bezahlung von Frauen aufmerksam zu machen. Anlass war der „Internationale Frauentag“, der in Berlin mittlerweile ein gesetzlicher Feiertag ist.

Morgen folgt nun der Equal Pay Day – der Tag, bis zu dem Frauen im Vergleich zu Männern rechnerisch unentgeltlich arbeiten. Denn am 17. März 2020 sind 77 Tage, also 21 Prozent des Jahres 2020, vergangen und die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern, auch Gender Pay Gap genannt, beträgt hierzulande ebenfalls knapp 21 Prozent.

Deutschland im europäischen Vergleich weit hinten

Frauen erhalten also ein Fünftel weniger Lohn als Männer. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich in der Schlussgruppe. Nur in Estland ist der Gender Pay Gap noch größer. In Ländern wie Belgien, Italien und Luxemburg sind die Gehälter viel gleicher verteilt (siehe Abbildung). Die Verdienstunterschiede sind allerdings von Branche zu Branche recht unterschiedlich. Während die Lohnlücke im Gastgewerbe sieben Prozent beträgt, liegt sie im verarbeitenden Gewerbe oder im Handel bei 25 Prozent.

Tarifverträge führen zu ausgeglichener Bezahlung

Gleiches Gehalt für Männer und Frauen – Tarifverträge tragen dazu bei. Denn dort, wo Tarifverträge gelten, ist die Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern um durchschnittlich zehn Prozentpunkte geringer. Und Frauen, die nach Tarif bezahlt werden, erhalten fast ein Viertel mehr Gehalt als Frauen in nicht tarifgebundenen Unternehmen.

Auch deshalb sollte die Politik die Tarifbindung stärken, unter anderem indem öffentliche Aufträge in Zukunft nur noch an tarifgebundene Unternehmen vergeben werden. Auch müssen Tarifverträge für ganze Branchen einfacher für allgemeinverbindlich erklärt werden. Vor allem frauendominierte Berufe im Dienstleistungssektor würden davon profitieren.

Die Gründe für die ungleiche Bezahlung sind vielfältig. Frauen unterscheiden sich in den Erwerbsbiografien und der Berufswahl. Das ist aber nicht immer auf individuelle Entscheidungen der Frauen zurückzuführen, sondern vielmehr strukturell bedingt. Frauen arbeiten öfter in Teilzeit oder in Minijobs sowie in schlecht bezahlten Berufen.

Zudem sind sie seltener in Führungspositionen. Ein weiterer Punkt ist die ungleiche Aufteilung der unbezahlten Sorgearbeit, etwa bei Kinderbetreuung, Pflege oder Hausarbeit. Knapp die Hälfte der Gesamtarbeitszeit der Frauen besteht aus dieser unbezahlten Arbeit, bei Männern ist es hingegen nur rund ein Viertel.

Gleiche Teilhabe an Erwerbs- und Sorgearbeit ermöglichen

Wir brauchen endlich Rahmenbedingungen, die Männern und Frauen die gleiche Teilhabe an Erwerbs- und Sorgearbeit ermöglichen. Das Gesetz zur Brückenteilzeit ist ein erster Schritt, aber derzeit nicht ausreichend, da zu viele Frauen ausgeschlossen sind.

Das Entgelttransparenzgesetz muss zwingend verbindlicher ausgestaltet werden. Zudem benötigen wir bedarfsgerechte Betreuungsangebote für Kinder und Pflegebedürftige. Und soziale, personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungen müssen durch Tarifverträge und Investitionen in kostenfreie Ausbildung, faire Ausbildungsvergütungen und eine angemessene Personalbemessung aufgewertet werden.

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