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Frauen in der Wirtschaft – zu früh gefreut?

Rollenklischees sind altmodisch, überholt und reaktionär. Die Gesellschaft, in der wir leben, will weg von diesen Stereotypen hin zu einer aufgeschlossenen modernen und wandelbaren Welt, in der alle alles machen können. In Teilen haben wir diese Ideen und Visionen bestimmt auch schon verinnerlicht und umgesetzt. Doch immer wieder stoßen vor allem Frauen an Grenzen und Blockaden, die ihnen die Umsetzung dieser Gesellschaftideale verwehren.

Extrageld für die Vaterrolle

Schiebt ein Vater sein Baby im Kinderwagen durch die Straßen, sitzt auf der Bank auf dem Spielplatz, schnallt sich sein Neugeborenes vor die Brust, um ihn herum viele Mütter und einige weitere Väter, gehört dieses Bild für uns schon fast zur gesellschaftlichen Normalität. Ein Mann, der eine traditionell weibliche Aufgabe übernommen hat. Er nimmt möglicherweise Elternzeit, was für die Familie ein finanzielles Plus bedeuten würde. Denn die aktuelle Regelung der Elternzeit sieht ein Mehr an Geld vor, wenn beide Elternteile sich um den Nachwuchs kümmern.

Männer, die sich diese Auszeit, die Familienzeit, nehmen, erleben von außen meist positives Feedback, gelten sie doch als aufgeschlossen, modern und familienorientiert. Attribute, die aktuell hoch im Kurs stehen.

Arbeitgeber, die an der Übernahme der erzieherischen Aufgabe Kritik üben oder den Arbeitnehmern Steine in den Weg legen, werden hingegen kritisiert.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die Zahl der Väter, die sich auf eine Elternzeit einlassen, steigt.

Szenenwechsel: Eine Frau steigt aus einem teuren Auto, im Anzug, unter dem Arm die exklusive Aktentasche, am Ohr das Handy, auf dem Weg zur nächsten Konferenz, der nächsten Aufsichtsratssitzung. Um sie herum Männer, im Anzug, unter dem Arm die schon erwähnte Aktentasche. Ebenfalls auf dem Weg zum nächsten Termin.

Doch was als Bild vielleicht noch funktioniert, ist im wahren Leben leider keine Selbstverständlichkeit. Denn Frauen in der Wirtschaft, in Führungspositionen und Chefsesseln, gehören immer noch zu einer kleinen, zwar wachsenden, Minderheit, die kritisch beäugt wird. Immer im Zwiespalt zwischen Mutterrolle und Karrierefrau; zwei Bilder, die in den Köpfen vieler Menschen, ob Frau oder Mann, nicht wirklich zusammenpassen wollen. Die dem Klischee nicht entsprechen und vielleicht sogar Unbehagen auslösen, gerade von Traditionalisten kritisiert von der einen wie auch der anderen Seite.

Gehen wir einmal weg vom klassischen Rollenbild: Ist ein Mann daran interessiert, den Rollenwechsel zu vollziehen und seine klassische Rolle als Familienversorger abzugeben, wird das von der modernen Gesellschaft eher positiv konnotiert- nach dem Motto: alles richtiggemacht. Raus aus der Tretmühle und mehr Zeit für die Familie nehmen.

Berufstätige Frauen, die ein Kind bekommen aber trotzdem den Gedanken an den eigenen Job nicht aufgeben wollen, werden oft genug abgeurteilt, und das auch noch in alle Richtungen: Rabenmütter, Heimchen am Herd, karrieregeil sind nur ein paar wenige der Begrifflichkeiten, die in diesen Zusammenhängen fallen können. Was soll man als Frau also tun? Auf Kinder verzichten und sich ausschließlich auf die Karriere konzentrieren oder ein Kind bekommen und die berufliche Selbstverwirklichung an den Nagel hängen?

Frauen kämpfen für die gleiche Gleichberechtigung, allerdings mit nicht ansatzweise dem gleichen Ergebnis. Um eine Gleichberechtigung zu erzielen, bedarf es sogar Gesetzen wie dem Entgeltgleichheitsgesetz und der gesetzlich geregelten Frauenquote. Die de jure stattfinden sollende Gleichberechtigung im materiellen, ideellen und prospektivem Sinne bleibt de facto ein Lippenbekenntnis im Alltag patriarchalischer Strukturen. Die Sprecherin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend- BMFSJ – Susanne Gütte sagt dazu: „Die Gesamtheit der Frauen sollte in allen Positionen der Wirtschaft gleichberechtigt vertreten sein“. Bei einer aktuellen weiblichen Vorstandsquote in Deutschland von 6,1 Prozent ist das wohl eher als frommer Wunsch zu werten. So stehen in den 160 im Dax, MDax, SDax und TecDax notierten Unternehmen laut Handelsblatt 43 weiblichen Vorständen 627 Männer gegenüber.

Wir lassen die Zahlen einfach mal für sich sprechen.

Ist es das wert?

Wo wir gerade bei Zahlen sind: Im Jahr 2011 waren 71 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen und 81 Prozent der Männer erwerbstätig. Frauen arbeiten im Vergleich zu Männern überwiegend in Teilzeit, laut einer Statistik des RKW Kompetenzzentrums waren es 2014 59%. Viele würden jedoch gerne ihre Arbeitszeit erweitern, sich um die eigene Karriere kümmern. Nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wünschen 58 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen eine Wochenarbeitszeit von 30 und mehr Stunden, laut Statistischem Bundesamt gaben 19 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen an, nur deshalb in Teilzeit zu arbeiten, weil sie keine Vollzeitbeschäftigung finden konnten.

Laut einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln auf der Basis des sozioökonomischen Panels gibt es eine hohe Anzahl, nämlich 71 Prozent, von inaktiven Frauen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren, die in den Arbeitsmarkt zurückkehren wollen: 50 Prozent davon würden sofort oder innerhalb des nächsten Jahres erwerbstätig werden wollen. Die Hälfte davon strebt sogar eine Vollzeitbeschäftigung an.

Unser vorherrschendes Arbeits- und Führungsmodell in Unternehmen ist klar strukturiert: Männer arbeiten Vollzeit mit langen Arbeitszeiten und oft ohne allzu viel Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen nehmen zu müssen, auch die Führungspositionen werden in erster Linie von Männern besetzt, die den ganzen Tag arbeiten.

Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin sind in Deutschland 14,6 Prozent der Führungskräfte weiblich und in Teilzeit tätig. Wer die Führung inne hat, der arbeitet also in erster Linie wesentlich länger als einen halben Tag und hat zudem wesentlich weniger familiäre Verpflichtungen zu übernehmen.

Weniger Arbeit und auch noch wesentlich weniger Geld

Im Schnitt 21% weniger Lohn erhalten Frauen für ihre Arbeit im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. In Führungspositionen ist die Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen sogar noch höher. Die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen nehmen zu, je höher die Position von Frauen in der Unternehmenshierarchie bzw. ihr Entgelt angesiedelt ist. Weibliche Führungskräfte werden bis zu 30 Prozent schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Hinzu kommt, dass durch sogenannte längere Erwerbspausen, beispielsweise wegen Familiengründung und Kinderbetreuung, die Lohnlücke im weiteren Berufsleben kaum noch aufzuholen ist.

Warum brauchen wir Frauen überhaupt in der Wirtschaft, in Führungspositionen und Chefsesseln?

Wir müssen also aufholen: bei der Anzahl der Jobs, der Arbeitszeit, der Anzahl von Frauen in Führungspositionen und wir müssen kämpfen für eine gleiche Bezahlung in gleichen Jobs und Funktionen. Jetzt mal allen Ernstes: Wollen wir das? Lohnt es sich überhaupt? Brauchen wir Frauen in der Wirtschaft überhaupt?

Laut dem RKW Kompetenzzentrum sieht die Situation wie folgt aus: Mit der aktuellen Diskussion um die anhaltende Unterrepräsentanz von Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft und die Einführung einer Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen ist das Arbeitspotenzial von Frauen wieder stärker in den Fokus von Politik und Wirtschaft gerückt. Doch diesmal wird das Thema weniger aus dem Blick der Gleichstellung diskutiert. Die Hintergründe sind vielmehr wirtschaftlicher Art. Die demografische Entwicklung erhöht den Druck auf Politik und Wirtschaft, das erhebliche Potenzial hervorragend qualifizierter Frauen verstärkt zur Sicherung des Fach- und Führungskräftebedarfs zu nutzen und ihnen gleiche Chancen in der Erwerbsarbeit zu geben.

Experten aus der mittelständischen Wirtschaft schätzen die zukünftigen Karrierechancen von Frauen allerdings eher skeptisch ein. Aus ihrer Sicht ist mit einem durchschlagenden Erfolg für Frauen in Führungspositionen in naher Zukunft nicht zu rechnen. Trotz der guten Ausgangslage am Arbeitsmarkt wird eine deutliche Erhöhung des Frauenanteils in den Chefetagen der Unternehmen von Expertenseite in naher Zukunft nicht erwartet. Dies bestätigen neben verschiedenen Unternehmensbefragungen auch die vom RKW Kompetenzzentrum befragten Experten aus Verbänden und mittelständischen Unternehmen wie Unternehmensleiter, Personalverantwortliche und Managerinnen. Sie bewerten die Karrierechancen eher skeptisch, das heißt sie rechnen zwar mit einer weiteren Zunahme des Frauenanteils in Fach- und Führungspositionen, erwarten aber, dass die Entwicklung auf betrieblicher Ebene nur langsam voranschreiten wird.

Warum sollen wir uns dann krumm machen und diesen beschwerlichen Weg überhaupt gehen?

Unsere Wirtschaft verändert sich, entwickelt sich, verliert den rein männlichen Blick. Es entsteht eine Lücke, die geschlossen werden muss. Und hier kommen die Frauen ins Spiel bzw. sollten ins Spiel kommen. Doch wie die Zahlen und Statistiken belegen, liegt der Anteil von Frauen in der Wirtschaft und in Führungspositionen noch weit hinter dem Gewünschten und vielleicht auc

Vorbildunternehmerin Dr- Henn-Sax

h Notwendigen zurück. Die Frage ist, ob sich die Situation ausschließlich aus einer Gesellschaft und Wirtschaft ergibt, die es Frauen durch alte, vor allem männlich definierte Strukturen schwerer macht, adäquate Posten zu finden oder ob Frauen auch grundsätzlich eher desinteressiert an wirtschaftlichen Themen sind.

Vorbild-Unternehmerin Dr. Martina Henn-Sax sieht das anders: „Frauen haben durchaus Interesse an der Wirtschaft. Ich denke, es geht

hier auch weniger um das Interesse als um das „es sich zutrauen“. Der Schritt in eine Führungsposition oder in die Selbstständigkeit ist ein Schritt, der mit der Übernahme von Verantwortung einhergeht. Das ist kein leichter Schritt.“

Henn-Sax setzt sich in ihrer Funktion als Vorbild-Unternehmerin dafür ein, dass Frauen die zweite Reihe verlassen und die Rolle der Chefin einnehmen und einen rein weiblichen Blick auf die Strukturen und Entwicklungen werfen.

Vorbild-Unternehmerin Birgit Hülsdünker

Auch die Rechtsanwältin und Mediatorin Birgit Hülsdünker plädiert für das weibliche Führungsverständnis von Frauen: „Wenn wir hierbei die Entwicklungen in unserer Gesellschaft sehen und wie sich auch dort das Selbstverständnis von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern z. B. durch die in Start-ups gelebte Führungskultur verändert hat, so haben Frauen zunächst die besseren Anknüpfungspunkte: Sie sind in aller Regel empathisch, kooperativ, wenig exzentrisch und können häufig auch „gut“ kommunizieren und damit Mitarbeitende motivieren. Was nicht heißen soll, dass wir nicht auch die männliche Führungskultur bräuchten. Aber eben nicht nur. Und damit die Stärken aus beiden Welten in der bislang eher männerdominierten Wirtschaft zusammen eine gute Führungskultur ergeben, brauchen wir Frauen.“

Auch sie sieht, dass Frauen, die sich den Weg in die Wirtschaft häufig nicht zutrauen, der Meinung sind, dass die Gepflogenheiten im als hart empfundenen Wirtschaftsbereich nicht ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechen.

Und genau das wird auch immer wieder von Seiten der Wirtschaftsbosse kolportiert: Frauen sind zu schwach, zu emotional, nicht durchsetzungsfähig genug und lassen sich durch familiäre Angelegenheiten häufig ablenken. Das geht soweit, dass gestandene Bundestagabgeordnete den Frauen Weinerlichkeit vorwerfen und ihnen ihre Emotionalität vorhalten. Denn werden Männer aus ihren liebgewonnenen Komfortzonen gedrängt, erfolgen häufig genug Schläge unter die Gürtellinie. So wie es der CSU-Politiker Kauder Bundesfamilienministerin Schwesig bei der Umsetzung der Frauenquote und damit der Erfüllung des Koalitionsvertrages vorgeworfen hat. Er bezeichnete Schwesig als weinerlich bei der Umsetzung des Koalitionsvertrages. Siehe http://www.she-works.de/sheworks/die-frauenquote-macht-weinerlich-ein-kommentar/2014/11/27

Auch mangelnde Qualifikation wird hier ins Spiel gebracht, um zu erklären warum Aufsichtsratsposten unbesetzt bleiben. Doch dagegen sprechen diverse Erhebungen, die klar belegen, dass es daran nicht liegen kann. Demnach sind Frauen sogar häufig wesentlich besser qualifiziert als ihre männlichen Kollegen.

Hier stellt sich also die Frage: Was ist an Emotionalität so schlecht, dass es als Schwäche verdammt wird? Ist die Härte, wie Männer sie leben, nicht genauso eine emotionale Reaktion?

Emotionalität sollte vielmehr als Stärke gelten, als etwas was der männerdominierten Wirtschaftswelt massiv fehlt: die weibliche Einflussnahme.

Journalistin und Speakerin Inga Höltmann

Die Berliner Journalistin Inga Höltmann spricht hier sogar von einer Verantwortung, die Frauen haben, Wirtschaft und Gesellschaft mitzugestalten. Frauen sollten diesen Gestaltungsfreiraum für sich in Anspruch nehmen, selbstbewusst diesen Weg gehen und nicht immer nur das Gefühl haben, dass Männer sie nur mitspielen lassen. „Denn machen wir uns nichts vor: Wenn wir immer nur die Männer machen lassen, wird sich wenig zu unseren Gunsten ändern“.

Viel Theorie – wenig Praxis

Frauen verstecken sich laut Unternehmerin Henn-Sax gern in der zweiten Reihe. Dort können sie Erfahrungen sammeln, ohne die 100%ige Verantwortung übernehmen zu müssen. Könnten lernen, um dann selbst die Führung zu übernehmen. „Es fehlt vielen Frauen an Praxis“, so Henn-Sax, „wenn aber eine gewisse Erfahrung vorliegt, sollten Frauen den Schritt in die Eigenverantwortlichkeit aber auch wagen“.

Und nun?

Das Fazit all dieser Überlegungen, Fakten und Zahlen ist eindeutig: Wir brauchen mehr Frauen in der Wirtschaft, Frauen, die gemeinsam mit den Männern die Wirtschaft lenken und leiten, ohne dabei geschlechtliche Unterschiede zu machen. Vorbild-Unternehmerin Hülsdünker meint allerdings: „Eine solche Entwicklung zu einem „kombinierten“ Führungsstil erfordert ein hohes Maß an Bereitschaft zur Selbstreflexion – ich bin mir nicht sicher, ob wir an diesem Punkt schon angekommen sind. Eine solche Veränderung wäre in meinen Augen auch als Orientierung für die heranwachsende Frauengeneration, die Karriere in der Wirtschaft machen möchte, ebenso wie für den männlichen Führungsnachwuchs enorm wichtig, damit es weniger „bad leadership“ und toxische Führung in Unternehmen gibt. Um nicht missverstanden zu werden: beide Führungskulturen haben ihre Vor- und Nachteile. Aber es ist längst Zeit, dass beide voneinander profitieren!“

 

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