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Gleichberechtigung in Deutschland? Fehlanzeige! Gesetzgeber und Gesellschaft im „Gender bias“

Von Martina Lackner & Marianne Brandt

Vor genau 62 Jahren, im Frühjahr 1957, verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz über die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Laut Artikel 3 des Grundgesetzes sind Frauen und Männer seit 1. Juli 1958 Inkrafttreten des Gesetzes gleichberechtigt. Zumindest auf dem Papier. Doch Papier ist bekanntlich geduldig. Spätestens bei den Anglizismen Gender bias, Diversity oder Equal pay wird deutlich: uns Deutschen fehlt es nicht nur an Vokabeln, sondern auch an Akzeptanz und Struktur.

Pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März wagen wir daher die Frage, ob unsere vorhandenen rechtlichen Grundanker wirklich ausreichen, um Gleichberechtigung zu leben? Ein Blick in die Realität deutscher Unternehmen und Partnerschaft gibt eine klare Antwort: Nein, sie sind nur ein Anfang. Denn es braucht neben Gesetzesänderungen auch ein verändertes Mindset von Männern und Frauen.


Auch 62 Jahre nach der Verabschiedung des Gleichberechtigungsgesetzes, das den Mann interessanterweise vor der Frau nennt, obwohl dies allein alphabetisch wenig Sinn macht, besteht immer noch ein Gefälle zwischen „gefühlter Gleichberechtigung“ und strukturellen Rahmenbedingungen. Ja, wir haben Kita-Plätze, Frauenquote und den Equal-Pay-Day, doch unsere Scheuklappen legen wir noch lange nicht ab. Erst im Mai 2015 trat das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Führungspositionen in Kraft – der Anteil der Frauen in Führung, vor allem in Aufsichtsräten, ist nach wie vor nicht bei den angestrebten 30 Prozent angelangt. Weshalb eigentlich nur 30 Prozent? Wieso nicht 50? Der Gesetzgeber sendet Doppelbotschaften aus. Nach außen hin wirken „die Quote“, die grundgesetzliche Verankerung von Frau und Mann, die geplante Parität im Bundestag positiv. Sie sorgen für mediale Schlagzeilen und einer fortschrittlichen Perzeption bei Otto Normalverbraucher. Hinter der Fassade des schönen Scheins der Geschlechterparität bröckelt jedoch der Lack. Spätestens bei der Bezahlung, der Wiederteilhabe im Beruf nach einer familiären Auszeit oder dem Ehegattensplitting fällt auf, dass das von der Bundesregierung gelenkte Auto Gleichberechtigung immer noch mit angezogener Handbremse fährt.

Zu Gleichberechtigung gehört mehr

Wohin geht der Weg? (unsplash.com)

Frauen sind zwar in der Öffentlichkeit respektiert, doch zu einer echten Gleichberechtigung gehört mehr. Es ist vor allem das Rollenverständnis, das trotz aller gegenteiligen Beteuerungen noch immer traditionell geprägt ist und das uns voreingenommen macht. Nennen wir es beim Namen: Gender bias – Gender bias ist ein angelsächsisches Thema, bei uns in Deutschland fehlt es sogar an der adäquaten Übersetzung. Ja, wir sind vorurteilsbehaftet, wenn es um die Rolle von Frauen geht. Denn traditionell überstark geprägt ist das Bild des Manns als Versorger der Familie. Ehen werden als Wirtschaftsgemeinschaft angesehen. Doch auch hier fehlt der Realitätsabgleich. Angesichts der hohen Anzahl von Alleinerziehenden muss von einer Förderung von Individuen ausgegangen werden, nicht von einer Förderung der Gemeinschaft. Hier hat sich unser System überholt. Frauen müssen zu mehr Selbstverantwortung von Kindesbeinen an aufgefordert, ja regelrecht erzogen werden. Doch es fehlt schlichtweg an Rolemodels. Wo sind sie? Die Frauen, die ohne Netz und doppelten Boden in der Betreuung einen Karriereweg hingelegt haben, der ähnlich kompromisslos wie der ihrer männlichen Kollegen ist, ähnlich gut bezahlt und ähnlich besteuert? Wir kennen nur wenige dieser Leuchttürme. Zumindest aus Deutschland.

Ein Vorzeigeland in Sachen Gleichberechtigung ist Schweden. Das schwedische Modell zeichnet sich durch eine starke Betonung der Erwerbsgesellschaft aus. Jeder Mensch soll seinen Lebensunterhalt in erster Linie durch eigene Arbeit sichern. Auf dieser Annahme fußt die schwedische Gleichstellungspolitik. Bereits 1921 wurde Frauen in Schweden durch das Ehe-Gesetz in Bezug auf rechtliche und ökonomische Angelegenheiten eine gleichberechtigte Stellung eingeräumt.[1]

Wo hakt es also bei uns in Deutschland …

in einem Land, das von einer Kanzlerin regiert wird, an dessen Parteispitzen sowohl bei SPD, Grünen und CDU Frauen das Sagen haben? Dessen Bundeswehr sogar eine Ministerin vorsteht? Welche Instrumente, welche Werte und Einstellungen fehlen uns, um das, was bereits rechtlich bereits seit 62 Jahren als Grundlage dient, auch wirklich zu leben? Prof. Dr. Andreas Peichl, Professor für Volkswirtschaftslehre, Ludwig-Maximilians-Universität München findet dazu klare Worte: „Das deutsche Steuerrecht zementiert regelrecht die traditionelle Rollenverteilung Ehegattensplitting und Co. führen zu Abgabequoten von bis zu 100 Prozent für Zweitverdiener. Für Frauen bedeutet das, dass von einem Brutto-Euro zusätzlich netto fast nichts übrigbleibt, daher gibt es kaum einen Anreiz für die verstärkte Teilnahme von Frauen am Berufsleben.“ Unser trauriges Resümee: Der Gesetzgeber selbst, so scheint es, sei im Gender bias, sonst würde er handeln. Unsere Forderung lautet daher ganz klar: „Das Ehegattensplitting muss aufgelöst werden, da es die Versorgerehe weiter subventioniert und unser althergebrachtes Rollenbild zementiert. Unsere Gesetzgebung und unser Steuerrecht setzen eindeutig falsche Anreize: Verheiratete Mütter gehen seltener und mit weniger Wochenstunden arbeiten, zudem erhöht diese Regelung das finanzielle Risiko für Frauen bei einer Trennung.“


Über die Autorinnen:

Martina Lackner: 

Mag. Phil. Martina Lackner ist Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Autorin („Psychologische Unternehmensführung“, Lindeverlag), Co-Autorin der „21-Erfolgsfrauen“ und des im September 2018 bei Haufe erschienenen Buches „Männer an der Seite erfolgreicher Frauen – Side by Side an die Spitze“. In Ihren Artikeln und Denkanstößen unter www.martinalackner.com nimmt die Inhaberin einer PR-Agentur regelmäßig Stellung zu aktuellen Karriere- und gesellschaftspolitischen Themen.  Darüber hinaus berät sie als Personal Advisorin Unternehmen und Menschen bei beruflichen und privaten Herausforderungen. Durch ihre Herangehensweise und ihr qualitativ hochwertiges Netzwerk ist sie heute eine feste Größe in den Bereichen Pressearbeit und crossmediale Vermarktung. Eine Herzensangelegenheit ist der 50-Jährigen gebürtigen Linzerin die Frauenförderung. Das Potenzial von Frauen sowohl in Wirtschaft als auch in der Gesellschaft zu nutzen, starke Frauen weithin sichtbar zu machen und Gleichberechtigung als Normalität zu leben sind Forderungen, die sie seit Jahren auch in ihren Beratungen und nachhaltigen PR-Strategien einbringt. Ihr Credo: „Auch wenn sich im Rahmen von Corporate Governance Unternehmen und Politik zunehmend zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern bekennen, sind bisher nur wenige Frauen in Führungsetagen anzutreffen – das muss sich ändern.“   martinalackner.com

Marianne Brandt:

versteht sich als Potenzialentwicklerin und Zukunftsgestalterin. Die systemische Organisationsberaterin und Coach-Frau, Heilpraktikerin Psychotherapie und Körpersprache- und Kommunikationstrainerin brachte in den 90er Jahren das Seminar Women, Leadership and the Future aus den USA nach Deutschland. Mit mehr als 1.500 Frauen arbeitete sie seitdem und hat sich dabei durch große, kleine und mittelständische Unternehmen bewegt. In ihren Coaching- und Organisationsentwicklungs-Gesprächen begibt sie sich in die  Mind-Set-Räume ihrer KundInnen und entwickelt Zukunftsbilder und verbindet diese mit konkreten, wirksamen Handlungsstrategien.

Mit Anfang 60 Jahren und damit  selbst Teil der Gleichberechtigungsentwicklung als Frau in Beruf und Gesellschaft erlebt sie einerseits eine durch den technologisch getriebenen Fortschritt sich rasch wandelnde Gesellschaft. Andererseits scheint es eine Art Klebstoff zu geben, der sowohl Männer als auch Frauen, in alten Mustern verharren lässt. 

Zwei Fragen bewegen Sie: „Wie  und welche Welt kommt in die Köpfe der Menschen?“ und „Welche Faktoren und blinden Flecken wirken im Selbstverständnis des Einzelnen aus dem sich Unternehmenskultur und die (Nicht-)Ziel- und Handlungsfelder in (Organisation-)Systemen heraus bilden?“ In ihrem Verständnis ist der einzelne Mensch keine Insel auf dem Weg der Selbstverwirklichung, sondern immer auch die Antwort auf ein Umfeld, in dem er sich bewegt.

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2 Kommentare

  1. Pamminger Edith
    5. März 2019 at 6:22

    Ein toller Artikel!!!!

  2. Pamminger Edith
    5. März 2019 at 6:22

    Ein toller Artikel zu einem sehr wichtigen Thema

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