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Retrospektive einer erfolgreichen Geschäftsübernahme im Mittelstand

Neugründen oder Übernahme?

In den kommenden fünf Jahren stehen laut BMWI rund 135.000 Unternehmen zur Übernahme an. Das betrifft rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze, die gesichert in die Zukunft geführt werden wollen.
Für die deutsche Volkswirtschaft ist das ein enormer Wirtschaftsfaktor von ca. 200 Milliarden Euro Umsatz. Grund genug, eine Geschäftsübernahme mit größter Sorgfalt anzugehen. Denn im Gegensatz zu einem Unternehmensneustart sind Aufgaben, Verpflichtungen und Verantwortungen bei einer Betriebsübernahme um ein Vielfaches höher. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird dafür regelmäßig mit einem etablierten Geschäft, gut platzierten Produkten, bestehenden Märkten und motivierten Mitarbeitern belohnt. Dr. Katharina Suchy, Expertin für Geschäftsentwicklung, hatte bereits im Februar für SHE works! zum Thema Übernahme berichtet.
Heute zeigen wir Ihnen am Business-Case, einer erfolgreichen Geschäftsübernahme, welche Hürden zu nehmen sind und wie ein solcher Geschäftseinstieg aussehen kann.

Herausforderung mittelständisches Familienunternehmen

Das Beispielunternehmen gibt es bereits seit rund 80 Jahren. Es ist als kleiner metallverarbeitender Handwerksbetrieb entstanden. Der Gründer des Unternehmens erkannte sehr bald, dass die aufkommende Elektrifizierung in Haushalten, dem verarbeitendem Gewerbe und der entstehenden Industrie, technische Unterstützung bei der Führung von Stromkabeln z.B. in Fertigungshallen benötigt, um eine sorgsame und sichere Stromverteilung zu ermöglichen. So entstand ein Hersteller für Kabelführungssysteme.
Das Unternehmen entwickelte sich nach dem Krieg deutlich und bietet heute seinen rund 130 Mitarbeitern einen soliden Arbeitsplatz. Die Kunden sind weltweit verteilt.
Aufgrund von Beteiligungen und Erbschaften wurde das Unternehmen in vierter Generation von zwei Familienstämmen geführt. Zwischen den Familienzweigen gab es jedoch Zwistigkeiten, die im Falle einer Loslösung einer der beiden Familie durch Anteilsauszahlungen das Ende des Unternehmens bedeutet hätte.
„Eine erfolgreiche Geschäftsübernahme will frühzeitig und genau strukturiert angegangen werden, damit sie zum Erfolg wird“ so Dr. Suchy. „Das fatale hier war, dass der Hauptgeschäftsführer plötzlich verstarb, bevor Regelungen innerhalb der Familien das Unternehmen in die nächste Generation überführen und solide in die Zukunft steuern konnten.“

Klärung von Rechtlichem, Finanzen und Verantwortlichkeiten

„Gerade die familiär-soziale angespannte Situation innerhalb der Eigentümerfamilien sorgte für enorme Belastungen bei der Betriebsführung und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.“ weiß Dr. Suchy zu berichten.
Ein langwieriger und aufwändiger Prozess wurde in Gang gesetzt. Zum Teil sprachen die beteiligten Familienmitglieder nicht miteinander, andere verweigerten die Zustimmung bei der Übergabe von Unternehmensanteilen. In der Folge wären womöglich Unternehmensanteile z.B. an fremde Dritte gegangen, der Fiskus hätte sich einen Großteil der Erbmasse angeeignet. Das traditionsreiche Unternehmen stand vor der Auflösung bzw. Zersplitterung.
Erst die Einschaltung einer neutralen dritten – beratenden – Seite, schaffte die Basis zur Fortführung von Verhandlungen zwischen den Familien und den damit verbundenen Aussichten zur Weiterführung des Betriebes.

Mehrstufiger Prozess

Auf Mediationsebene näherte man sich an. Die Unternehmenswerte wie Leistungen bestimmter Mitarbeiter, die gute Marktpositionierung mit Alleinstellungsmerkmalen oder die innovativen und qualitativ anspruchsvollen Produkte wurden herauskristallisiert. Das Wesentlichste aber war, dass das Unternehmen sehr solide und mit hohem Deckungsbeitrag versehen war. Mit besten Aussichten für eine erfolgreiche Zukunft.
Erst da erkannten die beiden Familien die gute Position und damit den Wert des Unternehmens. Man entschied sich, die persönlichen Diskrepanzen auszuräumen und die Familien besannen sich auf ihre jeweiligen Kompetenzen in Organisation und Technik. Juristen schafften die Grundlage für eine Übergabe an die fünfte Generation. Heute wird das Unternehmen von zwei Geschäftsführern, einem Kaufmann und einem Ingenieur mit entsprechender Aufgabenverteilung aus jeweils einer Familie geführt.

Die wesentlichen Steps einer erfolgreichen Übernahme:

  • Klärung des eigenen Know Hows in der Branche,
    z.B. Reichen meine Fähigkeiten als Handwerksmeister(in)?
  • Klärung des Investitionsbedarfes z.B. Investitionsstau, Eigenkapitalquote,
    Abfindungen, Deckungsbeitragsrechnung der vergangenen Jahre etc.:
    Wie rechnet sich der Invest? Wann wird Gewinn erzielt?
  • Ausblick auf die Marktentwicklung:
    Sind Produkte, Märkte, Vertriebsstruktur gut aufgestellt? Welche Trends
    sind zu erwarten?
  • Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter versus Führungsfähigkeit z.B. Übernahme eines
    Handwerksbetriebs mit 15 Mitarbeitern.
    Was ist personalseitig an Abläufen und Wissen sicherzustellen?
  • Bei Produktionsbetrieben die technische Ausstattung:
    Sind die Fertigungsanlagen und –maschinen „State of the Art“?
  • Bereitschaft einer „betreuten“ Übergabe vom Alteigentümer auf den Neuen:
    Will und kann der Vorgänger Sie im Betrieb coachen?
  • Aufdeckung bestehender Verpflichtungen oder Verflechtungen.
    Bspw: Wird ein Familienmitglied des Vorgängers auf Leitungsebene
    übernommen?
  • Steuerliche, erbrechtliche und juristische Fragestellungen:
    Welche vertraglichen Hürden sind zu meistern – Grundstück, Gebäude,
    Maschinen, Mitarbeiter, Übernahme auf Rentenbasis etc.?
  • Entscheidungs- und Zukunftsfähigkeit:
    Hat das Unternehmen eine Chance , z.B. mit seiner Lage als
    Handelsgeschäft oder Lokal?

Betreuung durch Experten

Am besten wird eine Übernahme durch neutrale und erfahrene Experten begleitet. Eine erste Anlaufstation hierfür sind z.B. die IHKs. Denn die vielen Aspekte wollen sorgsam und vollständig berücksichtigt werden. Dann ist die Unternehmensübernahme mit den besten Chancen ausgestattet.

 

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