Frauen in den Wechseljahren? Kein Grund, sich zurückzuziehen. Peggy Reichelt unterstützt Frauen mit ihrer Pro-Age-Bewegung und ihrem jährlichen Pro-Age-Festival. SHE works! hat sie nach dem Auslöser der Gründung von xbyx gefragt.
Frau Reichelt, Sie haben XbyX jenseits klassischer Gründer*innen-Biografien ins Leben gerufen. Was war Ihr persönlicher Auslöser, in dieser Lebensphase noch einmal neu zu gründen?
Ich war 43, als ich die Idee hatte, und 44, als ich XbyX gegründet habe. Ich finde das gar kein so ungewöhnliches Alter. Das ist doch noch nicht mal in der Mitte des Lebens. Meine erste Firma habe ich mit 28 gegründet. Das war damals sicher recht jung – vor allen Dingen, weil 2004 kaum Frauen Unternehmen gründeten. Vielleicht gründe ich noch mal was mit 60 oder 80. Wer weiß? Ich finde, Alter ist keine Begrenzung, egal wofür.
xbyx konzentriert sich bewusst auf Frauen ab 40 – eine Zielgruppe, die gesellschaftlich oft unterschätzt wird. Was hat Ihnen gezeigt, welches Potenzial in dieser Lebensphase steckt?
Ich las damals ein Buch, in dem es um Sport und Alterung ging. Den Wechseljahren war ein eigenes Kapitel gewidmet. Da wurde mir schlagartig klar, welchen gravierenden Einfluss diese Hormonumstellungen auf unseren Alterungsprozess haben. Mir geht es seit Beginn darum, was diese Lebensphase für Frauengesundheit im Alter bedeutet. Es ist doch ein Unding, dass wir Frauen darüber so wenig Bescheid wissen und es dazu an wissenschaftlicher Forschung mangelt.
Viele verbinden Wechseljahre mit Rückzug, nicht mit Aufbruch. Wie möchten Sie mit xbyx die Sicht auf diese Lebensphase verändern?
Unbedingt, seit Tag 1. Im Schnitt starten die Wechseljahre in unseren 40ern mit der Perimenopause. Das ist übrigens auch die Zeit mit den für viele Frauen heftigsten Symptomen. Frauen werden heute im Durchschnitt 84 Jahre, heißt, mit Anfang 40 haben wir noch nicht mal die erste Lebenshälfte hinter uns. Wieso sollte also in dieser Phase an Rückzug denken? Dieses patriarchalisch geprägte Frauenbild, das Frauen mit Ende ihrer Fruchtbarkeit an Wertigkeit verlieren, ist völlig überholt. Gerade dann, wenn sich Familie und Lebensrealitäten eingependelt haben, entfalten Frauen völlig neue kreative Potenziale. Genau dabei unterstützen wir Frauen mit unserer Pro-Age-Bewegung und unserem jährlichen Pro-Age-Festival. Ich möchte jeder Frau da draußen Mut machen, neugierig zu bleiben, aktiv zu bleiben und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Damit sie das bestens meistern, stehen wir mit den richtigen Strategien bei den körperlichen Herausforderungen zur Seite, die sowohl die Wechseljahre als auch das Alter so mit sich bringen.
Ihr Unternehmen kombiniert Wissenschaft, Community und hochwertige Produkte. Wie gelingt Ihnen dieser Dreiklang – und warum ist er gerade für Frauen über 40 so wichtig?
Wissen ist die Basis von allem. Nur wenn wir über unseren Körper Bescheid wissen, können wir die passenden Strategien, ganz egal, ob Hormontherapie, Nahrungsergänzungen, Ernährung oder Sport, auswählen. Wir müssen lernen, auf unseren Körper und unsere Bedürfnisse zu hören. Diese Kombination lässt uns selbstbestimmt älter werden. Die Gemeinschaft mit anderen Frauen ist ebenso wesentlich: Zu wissen, dass man mit seinen Befindlichkeiten nicht allein ist, hilft enorm. Vielen Frauen wird unterstellt, dass sie sich Symptome einbilden oder dass sie sich nicht so anstellen sollen nach dem Motto: „Da muss Frau eben durch.“ Dem ist nicht so, und genau das nachhaltig zu ändern, erfordert eine ganzheitliche Herangehensweise.
Als „Best-Ager-Gründerin“ brechen Sie mit dem Klischee, Entrepreneurship sei ein junges Spiel. Welche Stärken bringt eine spätere Gründung mit sich?
Ich empfinde das Alter bei meiner Gründung mit 43 Jahren wirklich nicht als alt – und auch jetzt mit 50 nicht. Ich finde, Unternehmertum hat keine Altersgrenze. Es hat vielmehr mit Charaktereigenschaften zu tun: Risikobereitschaft und ein starker Wille. Im Vergleich zu meiner ersten Firmengründung 2004 bin ich heute um mehr als 20 Jahre an Erfahrung, Erfolgen und Misserfolgen reicher. Ich bringe heute eine gewisse Unaufgeregtheit mit, weil ich vieles schon erlebt habe.
Der Markt rund um Menopause-Health wächst rasant. Welche Lücke haben Sie gesehen – und wie füllt xbyx sie?
Als ich 2018 mit XbyX startete, war ich erschrocken von den fehlenden Informationen. In den USA, Kanada und Großbritannien war man in Sachen Aufklärung und Bewusstsein rund um die Wechseljahre schon viel weiter. In Deutschland war es eine Wüste – niemand wollte darüber sprechen, niemand wollte das Thema ansprechen. Zum Glück hat sich in den letzten Jahren viel geändert. Ich freue mich, dass wir heute ein viel größeres Angebot für all die Frauen haben. Es hat sich viel bewegt. Die Wechseljahre sind auch dank der von uns mit initiierten Meno-Support-Studie ins Licht von Gesellschaft und Unternehmen gerückt. Darüber bin ich extrem froh.
In einer Branche mit vielen jungen Gründerteams: Wie erleben Sie Female Leadership im Midlife – und welche Rolle spielt Erfahrung dabei?
Gute Führung bedeutet für mich, zuzuhören, zu wachsen, Dinge zu hinterfragen und genau zu wissen, was man gut kann und was nicht. Je mehr Erfahrung man hat, desto besser gelingt es, zu delegieren und sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Das ist natürlich besonders mit 50 anders als mit 25.
Gesundheit, Selbstbestimmung und wissenschaftliche Evidenz sind zentrale Werte bei xbyx. Wie setzen Sie diese Prinzipien im Unternehmensalltag konkret um?
Seit Tag 1 steht die Kundin bei uns im Mittelpunkt. Alle unsere Produkte, Broschüren, Video-Kurse, Artikel, Bücher und Events müssen diesen hohen Qualitätsansprüchen genügen. Sie müssen so gut sein, dass wir sie selbst als bereichernd empfinden und sie ohne Bedenken unserer Mutter, Schwester oder besten Freundin empfehlen würden. Wir investieren viel Know-how in unser Content-Team, in die Produktentwicklung und Qualitätssicherung. Auch alle Lieferanten, mit denen wir zusammenarbeiten, sind nach den strengsten Kriterien ausgewählt.
Welche Herausforderungen mussten Sie als Gründerin Mitte 40 bewältigen, die jüngere Gründer*innen oft gar nicht auf dem Radar haben?
Ich konnte keine Unterschiede in den Herausforderungen in Bezug auf das Alter feststellen. Die Herausforderungen ändern sich eher mit dem Markt, dem Geschäftsmodell, der Marktlage und wirtschaftlichen Entwicklungen.
Für viele Frauen ist das Midlife ein Wendepunkt. Welche Botschaft möchten Sie anderen Frauen mitgeben, die ihre zweite Lebenshälfte als Chance für einen Neuanfang sehen?
Einfach machen, alles ist möglich. Neugierig bleiben, gut für sich sorgen, damit man eine gesunde körperliche Basis hat, um neue Aufgaben anzunehmen. Vielleicht auch etwas gnädiger mit sich selbst sein, sich mehr Zeit geben und auf den reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Vor allem: Nie mental die Einstellung entwickeln, dass man zu alt dafür ist. Es gibt so viele Beispiele von Menschen, die – egal wie alt – Neues gewagt haben.
Wo sehen Sie xbyx in den nächsten fünf Jahren – und welche Entwicklungen rund um das Thema Menopause und Frauengesundheit erwarten Sie?
Für XbyX hoffe ich, dass wir weiter wachsen und immer mehr Frauen erreichen. Solange nicht jede Frau genauestens informiert ist, haben wir noch viel zu tun. Für die Wechseljahre und Frauengesundheit erhoffe ich mir klare Maßnahmen aus der Politik. Mit der #wirsind9millionen-Initiative wurde ein Anfang gemacht, aber es gibt noch viel zu tun. Die Wechseljahre müssen im Medizinstudium stärker berücksichtigt werden, wir brauchen mehr Leistungen rund um die Frauengesundheit in den Krankenkassen und mehr Prävention, die von den Kassen gezahlt wird. Die Wechseljahre sind ein entscheidendes „Window of Opportunity“ für Frauengesundheit im Alter – derzeit wird das im Rahmen der gesetzlichen Angebote kaum berücksichtigt.
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