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„Pinkwashing“ – Wie Sie subtile Formen sexueller Belästigung erkennen und sich schützen

Von Sophia von Verschuer

Er liked Ihre Posts über Gleichberechtigung, nennt Sie „stark“ und „selbstbewusst“ und schreibt Ihnen nachts, wie „besonders“ Sie sind. Was zunächst wie freundliche Aufmerksamkeit wirkt, kann der Beginn einer Grenzüberschreitung sein. Die Grauzone der sexuellen Belästigung im Job ist noch diffuser als früher. Sophia von Verschuer, Fachanwältin für Arbeitsrecht, beschreibt, welche Fälle sie in ihrer Praxis begleitet und was sie Betroffenen rät.

Grundsätzlich sind Menschen in der Arbeitsumgebung unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung oder Identität fair zu behandeln, Gleichberechtigung ist durch inklusive Sprache, faire Bezahlung, diverse Führungsteams aktiv zu fördern und es ist ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich alle sicher und respektiert fühlen können.

Gender Positivity beschreibt in diesem Kontext eine offene, wertschätzende Haltung gegenüber unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten und -ausdrücken. Sie steht für das Ziel, Stereotype zu überwinden und Vielfalt in Geschlechterrollen als etwas Positives und Bereicherndes zu begreifen. Jedoch: Alte Strukturen lassen sich nicht ausschließlich durch neue Sprache ändern. Nicht auf Worte, auf Handlungen kommt es an. Nicht selten nutzen Firmen modernes Wording, um ihre Arbeitsumgebungen zu beschönigen, an alten Rahmenbedingungen ändert sich aber nichts. “Pink Washing” beschreibt das geheuchelte Engagement, dem selten echte Maßnahmen folgen, die zeigen, dass Gleichberechtigung und Inklusion wahre Unternehmenswerte sind.

Über die Autorin: Sophia von Verschuer ist Anwältin für Arbeitsrecht in Berlin. Sie berät ausschließlich Arbeitnehmer*innen und ihre Interessenvertretungen in allen Fragen des Arbeitsrechts. Regelmäßig gibt sie Schulungen für Betriebsräte und Schwerbehindertenvertretungen und hält Vorträge zu Themen aus dem Arbeitsrecht. Foto Bastian Bochinski

Was ist, wenn ein Vorgesetzter, der sich selbst als Feminist oder „Ally“ bezeichnet, aktiv über Gleichstellung spricht, feministische Posts liked, sich in der persönlichen Interaktion aber genau gegenteilig verhält? Richtig. Sein Verhalten ist damit immer noch übergriffig, manipulativ oder unangemessen vertraulich.

Grenzverletzungen durch Männer, die sich selbst als feministisch oder „woke“ verstehen, sind besonders tückisch. Diese Männer sprechen die moderne Sprache, engagieren sich für Diversität und Gleichberechtigung und nutzen ihr Image als Schutzschild. Ihr Verhalten aber ändert sich nicht. Wer sich unwohl fühlt oder widerspricht, kann schnell als „unkollegial“  oder „nicht-open-minded“ gelten.

Hier wird „Gender Positivity“ zur Fassade, die Schutz bietet und Kritik erschwert. Wenn dann doch Grenzen überschritten werden, trauen sich viele Betroffene aus Angst, nicht ernst genommen zu werden oder als empfindlich zu gelten, nicht, das Verhalten anzusprechen.

Alte Machtspiele im neuen Wording

Diese Form der Belästigung ist besonders schwierig zu greifen, weil sie sich nicht eindeutig als Übergriff zeigt. Sie spielt häufig mit emotionaler Nähe, Anerkennung und subtiler Manipulation bis hin zu Gaslighting.
Im Unterschied zu den klaren, häufig körperlichen Grenzverletzungen älterer Generationen findet die neue Form sexueller Belästigung oft digital, psychologisch und in der Kommunikation statt, zum Beispiel über Direktnachrichten, Emojis, private Anspielungen oder auffällig persönliche Komplimente.

In internationalen Teams oder in Start-up-Umgebungen ist das Machtgefälle – entgegen vieler Behauptungen – stark ausgeprägt. Beschäftigte aus dem Ausland, mit befristeten Verträgen oder abhängig von ihrem Arbeitsvisum, haben oft weniger Möglichkeiten, sich zu wehren. Sie haben Angst, als schwierig zu gelten oder ihren Arbeitsplatz, ihre berufliche Zukunft oder gar ihren Aufenthaltsstatus zu gefährden. Genau das wissen manche Vorgesetzte auszunutzen.

Diskriminierende und übergriffige Strukturen und Verhaltensmuster verschwinden nicht einfach, weil ein Unternehmen ein Diversity-Programm aufsetzt. Auch wenn dies – ohne Frage – ein wichtiger erster Schritt sein kann. Entscheidend ist, dass die Ziele von allen, vor allem den Führungskräften, verstanden und gelebt werden.

Wann beginnt sexuelle Belästigung rechtlich?

Juristisch ist sexuelle Belästigung in § 3 Absatz 4 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) definiert:

„Unerwünschte, sexuell bestimmte Verhaltensweisen, die bezwecken oder bewirken, dass die Würde der betroffenen Person verletzt wird.“

Sexuelle Belästigung beginnt also nicht erst beim körperlichen Übergriff, sondern bereits dort, wo ein Verhalten unabhängig von der Absicht des Gegenübers als unangenehm, entwürdigend oder respektlos empfunden wird.
Dazu zählen:
  • zweideutige Nachrichten oder Bilder, zum Beispiel in Chats oder Social Media,
  • unangemessene Komplimente zu Aussehen oder Kleidung,
  • persönliche Einladungen mit eindeutigem Unterton,
  • Berührungen ohne Einverständnis,
  • oder wiederholte Versuche, eine emotionale Abhängigkeit herzustellen.

Was Sie tun können, wenn Sie betroffen sind

Wenn Ihnen etwas unangenehm ist, dann ist das ein Warnsignal. Nehmen Sie Ihre Wahrnehmung ernst. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, sensibel zu reagieren. Hilfreich ist es, jeden Vorfall zu dokumentieren. Häufig wird ein Verhaltensmuster erst sichtbar, wenn man Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentiert. Notieren Sie Datum, Uhrzeit, Ort, beteiligte Personen und mögliche Zeugen. Sichern Sie Nachrichten, E-Mails oder Chatverläufe. Diese Dokumentation ist entscheidend, wenn Sie später rechtliche Schritte erwägen.

Wenn Sie können, suchen Sie sich Unterstützung im Unternehmen. Wenden Sie sich an die Beschwerdestelle nach § 13 AGG, an den Betriebsrat, an die Gleichstellungsbeauftragte oder an die Schwerbehindertenvertretung, sofern es diese Institutionen im Unternehmen gibt. Unternehmen sind dazu verpflichtet, auf Beschwerden zu reagieren und geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Ansprüche nach dem AGG müssen innerhalb von zwei Monaten nach dem Vorfall schriftlich geltend gemacht werden (§ 15 Abs. 4 AGG). Achten Sie auf diese Fristen und lassen Sie sie nicht verstreichen, sofern Sie aktiv werden möchten.

Holen Sie sich den arbeitsrechtlichen Rat von jemandem ein, der auf Arbeitnehmerrechte spezialisiert ist. Das hilft Ihnen, die Situation rechtlich einzuschätzen und zu überlegen, wie Sie sich gegen Repressalien schützen können. Ebenso kann geprüft werden, ob ein Anspruch auf Entschädigung oder Schadensersatz besteht.
Letztlich müssen Sie sich die Frage stellen, ob Sie in diesem Arbeitsumfeld bleiben möchten: Ist es sinnvoll, seine Lebenszeit einem Unternehmen zu schenken, in dem übergriffiges Verhalten geduldet wird und führt es zu Veränderungen, wenn man sich an Kollegen abarbeitet? Die Antworten auf diese Fragen fallen sicher sehr unterschiedlich aus, da es auf persönliche und finanzielle Umstände ankommt.

Haben Sie Ihren Job gerade erst begonnen? Die Probezeit ist für beide Seiten eine Kennenlernphase. Auch als Arbeitnehmer:in hat man das gute Recht, zur Entscheidung zu kommen, dass man in einer Arbeitsumgebung nicht verbleiben möchte.

Wie Sie innerlich wieder Vertrauen fassen

Sexuelle Belästigung hinterlässt immer Spuren, egal, ob der Vorfall öffentlich wird oder nicht. Auch möchte nicht jede Frau einen Vorgang an die Öffentlichkeit bringen. Scham, Selbstzweifel und Misstrauen gegenüber Kollegen sind häufige Folgen. Wichtig ist, dass Ihnen klar wird, dass Sie nichts falsch gemacht haben. Der erste Schritt zur Verarbeitung ist, das Erlebte nicht kleinzureden. Reden Sie daher mit einer vertrauten Person, holen Sie sich psychologische Unterstützung oder nehmen Sie Kontakt zu Beratungsstellen auf. Der Austausch mit anderen wird Ihnen helfen, das Erlebte besser einordnen zu können.

Selbstschutz steht an erster Stelle

Im Unternehmenskontext ist „Gender Positivity“ häufig Teil von Diversity-Strategien oder Employer-Branding-Kampagnen. Doch wenn diese Haltung nicht wirklich gelebt wird, sondern nur als moralisches Aushängeschild dient, wird der Widerspruch fühlbar. Gerade weil im modernen Arbeitsumfeld Arbeit und Privatleben immer stärker ineinandergreifen und  gerade dort, wo Offenheit betont wird, ist es wichtig, klare Grenzen zu ziehen.
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