SHE works!

Vorbild-Unternehmerin Antje Wolff-Diller: Selbstständigkeit hält die Spannung aufrecht

Antje Diller-Wolff ist Gründerin von shs medien und übernimmt in dieser Funktion auch die Redaktionsleitung von Unternehmerinnen TV.

Frau Diller-Wolff, Sie arbeiten in einer männerdominierten Branche, dem Film- und Fernsehgeschäft. War es für Sie in der Vergangenheit eher ein Vorteil oder ein Nachteil als Frau hier unterwegs zu sein?

Die Branche hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, es gibt mittlerweile viele Kamerafrauen und Tontechnikerinnen, die fallen gar nicht mehr auf. Als ich in den Neunzigern angefangen habe, traute man den wenigen weiblichen Kameraleuten häufig nicht mal zu, ihr Equipment selber tragen zu können, geschweige denn, ein anständiges Bild zu drehen. Aber die Branche war immer schon ein Paradebeispiel für die Vorteile gemischter Teams, ohne mindestens 5 verschiedene Leute wird der Fernsehbeitrag nicht fertig und die Eitelkeiten und Vorurteile müssen die Luft anhalten, Kompromiss und Diplomatie sind unerlässlich, gerade, wenn so viele Selbstdarsteller in einem Raum zusammenarbeiten (lacht!). Da braucht es außerdem viel Humor.

Ich persönlich habe weder Vorteile, noch Nachteile verspürt, als Frau meine Arbeit zu machen, weder beim NDR Fernsehen, noch bei Spiegel TV. Ich habe immer schnell versucht, durch Kompetenz meine Position klarzumachen, geschluckt habe ich eher bei weiblichen Vorgesetzen. Die Exemplare, die unprätentiös, sachlich und objektiv führten, waren selten. Meine Marketing-Kollegin Anika Schön und ich arbeiten heute viel allein unter Frauen, wir sind aber derart gut aufeinander eingespielt, dass wir in jeder noch so belasteten Situation hervorragend als Team funktionieren. Unsere männlichen Praktikanten haben es bei uns gut, die fühlen sich sehr wohl und werden nicht diskriminiert (lacht!).

Sie machen Web-Fernsehen mit der Zielgruppe Frauen in Führungspositionen, Unternehmerinnen, Existenzgründerinnen, Wiedereinsteigerinnen. Wie wird Ihre Arbeit angenommen?

Dass sowas vom Land kommt, so professionell und das Konzept unterstützt von der Filmförderung nordmedia, kam für viele überraschend. Unsere Themen wie Vereinbarkeit, Selbständigkeit, Existenzgründung und Wirtschaft, sprechen so viele an, dass uns auch männliche Zuschauer gerne gucken. Es hat sich herumgesprochen: Die Zukunft des Fernsehens ist die Erweiterung des Internets. Die Zukunft der Wirtschaft ist der Zuwachs an selbständigen Frauen und weiblichen Führungskräften, auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel. Unternehmerinnen.tv verbindet beides innovativ. Das Interessante daran ist, dass wir mit dem Einsatz von TV und Internet quasi Tradition und Moderne verschmelzen – und das regional im ländlichen Raum! Man regt die alteingesessenen Fernsehzuschauer zum Mitmachen an und erreicht gleichzeitig junge Leute, die oftmals online gucken. Seit Start am 15.1.15 bestücken wir konstant das Portal, neuer Content, neue Filme, neue Clips werden nach Fertigstellung sofort online gestellt. Das Herzstück, das UTV-Magazin, das aufwändig im Studio mit Moderation produziert wird, gibt es momentan monatlich 1x neu. Es hängen viele Netzwerke mit sehr großem Streueffekt an unternehmerinnen.tv. Man erreicht durch jeden der Kooperationspartner sehr viele weitere Beteiligte & macht sie gegenseitig aufeinander aufmerksam. Es gibt verschiedene Varianten für jedes Budget, damit auch kleine Existenzgründerinnen auf UTV dabei sein können.

Gerade haben wir unseren ersten Geburtstag gefeiert, viele große Show-Unternehmen verlosen bei uns Karten, wie Apassionata und Wunder von Bern, das war schon ein Kracher, dass die unser Format von Anfang an schick fanden als Kooperation, gleiches gilt für große Modelabels, die uns ausstatten und großartige Mode- und Schmuckdesignerinnen, mit denen wir kooperieren. Die finden uns cool, wir die auch, der Kontakt mit den Verantwortlichen ist häufig menschlich auch so nett, wir alle brennen doch gleichermaßen für unsere Ideen und Projekte, das Gefühl verbindet sehr.

Sie arbeiten schon einige Zeit als Unternehmerinnen. Ist es immer noch spannend?

Ich war noch nie im Leben fest angestellt, bis auf temporäre Zeitverträge als Dozentin an einer Universität in Singapur, aber selbst in dieser Zeit habe ich nebenher freiberuflich Filme gedreht. Ich glaube, die Selbständigkeit an sich ist schon ein wichtiger Faktor, der die Spannung aufrechterhält. Bei mir ist es so, dass in meinem Kopf permanent neue Ideen entstehen, dank meiner wunderbaren Partnerin Anika Schön und einer Familie, die alles verrückt aber gut findet, was ich so ausbrüte und einem wunderbaren Team, kann ich das meiste auch tatsächlich umsetzen. Ich habe so viel Lust auf diese ganzen Sachen, manchmal habe ich das Gefühl, ich platze. Aber positiv, nicht negativ gemeint. In meinem Umfeld sind einige andere Unternehmerinnen, mit denen man brainstormen kann, bis es qualmt und am Ende steht das Konzept. Herrlich!

Sie wurde als Vorbild-Unternehmerin ausgezeichnet. Was macht eine Vorbild-Unternehmerin Ihrer Meinung nach aus?

Das wichtigste ist, Freud und Leid ehrlich zu kommunizieren, aber deutlich zu machen, welche Vorteile die Selbständigkeit bietet und was man dafür tun sollte, denn im Sessel sitzen und warten, dass was passiert geht natürlich nicht. Auch ist es wichtig zu zeigen, wie wichtig Netzwerken ist, und ein Downscalen von typisch weiblicher Bescheidenheit. Als die Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums seinerzeit veröffentlicht wurde, überzeugten Anika Schön und ich uns gegenseitig, dass die jeweils andere perfekt zu den Vorgaben passte: Gesucht wurden „Vorbild-Unternehmerinnen“, die „ihre Inspiration und Leidenschaft für ein Leben als Unternehmerin weitergeben und Frauen und Mädchen zur beruflichen Selbständigkeit ermutigen“. In den Gesprächen wurde uns beiden bewusst, dass wir diese Aufgabe seit Jahren in der ehrenamtlichen Arbeit in verschiedenen Unternehmerinnen-Netzwerken bereits wahrnehmen. „Dann können wir es auch im Auftrag des Ministeriums machen“, dachten wir und bewarben uns beide. Dass wir dann beide tatsächlich ausgesucht wurden, bescherte uns eine gemeinsame Autofahrt nach Berlin zur Auftaktveranstaltung, ein Exklusivinterview mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und den Austausch mit bundesweit verteilten großartigen Frauen. Ich spreche in meinen Vorträgen immer wieder aus, wovor Frauen Angst haben, was Ihnen Sorge bereitet, warum sie zögern, sich selbständig zu machen. Ich nehme das immer ernst. Mein Motto: nicht in Problemen, sondern in Lösungen denken. Ich habe in der Vergangenheit immer wieder die Rückmeldung bekommen, dass meine Worte der letzte nötige Schubs waren, damit Frauen sich trauten. Selbständigkeit bedeutet sicher viel Disziplin und Fleiß, aber auch das unbeschreiblich gute Gefühl, dass man seinen Erfolg selbst erarbeitet hat und stolz darauf sein kann, auch wenn es bedeutet, dass man genauso für Misserfolge verantwortlich ist. Aus denen wiederum lernt man und macht es das nächste Mal besser. Darüber muss man sprechen. Offen und ungeschönt. Ein Vorteil von Frauen, die weniger Schwierigkeiten haben, Sorgen, Ängste und Misserfolge einzugestehen.

Was ist Ihre Aufgabe bzw. was tun Sie explizit in Ihrer Funktion als Vorbild-Unternehmerin?

Einiges tue ich weiterhin, was ich bisher schon gemacht habe, nur eben jetzt unter dem offiziellen Siegel. Ich mache in Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Seminaren Frauen Mut zu beruflicher Selbstständigkeit und Wiedereinstieg, ich spreche gerade bei Schülerinnen und Studentinnen das Thema Vereinbarkeit intensiv an, zerschieße manche Illusion, aber lege den Grundstein für realistische Vorstellungen, wie man als berufstätige Mutter aufgestellt sein möchte, und nicht zuletzt, welche Art von Partner man dafür braucht. Ich bin gerne Unternehmerin, weil ich Familie und Beruf vereinbaren kann. Es ist anstrengend, aber sehr erfüllend. Das möchte ich anderen vermitteln. Selbstständigkeit bedeutet Risiko, steht aber auch für Inspiration und Leidenschaft. Heute erfolgreiche, selbstständige Frauen, haben zu Beginn ihres Weges vielleicht auch gezögert, Sorgen gehabt, Bedenken hin und hergeschoben und einige tiefe Täler durchwandert. Das muss man ehrlich beschreiben und auch, wie der Weg dann weitergehen kann.

Gibt es einen Austausch unter den Vorbild-Unternehmerinnen?

Den gibt es per Mail, auf einer eigenen Facebookseite, in Regionaltreffen und bundesweiten Veranstaltungen, alle inspirieren sich gegenseitig für Aktionen, das macht viel Spaß.

Wie machen Sie persönlich Frauen auf das Unternehmertum neugierig?

Siehe oben – viele Themen, die speziell Gründerinnen und Unternehmerinnen ansprechen sollen, sind viel zu gering in der Öffentlichkeit vertreten.

Was wäre Ihrer Meinung nach wichtig, um hier mehr Sichtbarkeit zu erzeugen?

Die Doppelbelastung für Frauen, wenn sie versuchen, Familie und Beruf zu stemmen, kann nicht genug besprochen werden und auch der Kampf um Anerkennung, wenn der Partner und das Umfeld den Start in die Selbständigkeit immer noch als Hobby betrachten und der seit Jahren Festangestellte sich wundert, dass die selbständige Frau auch am Freitag nach 20 Uhr oder am Sonntagmittag noch geschäftliche E-Mails schreibt oder ein Konzept zu Papier bringt. Eine wichtige Abgrenzung muss es auch für Frauen im Homeoffice geben, die ganz selbstverständlich die Wäsche nebenher aufhängen, den Handwerker reinlassen und natürlich zuständig sind, wenn das Kind krank ist. Da muss man innerfamiliär Regeln finden, die für alle gelten, ob im entfernten Büro oder daheim.

Es reicht auch nicht, sich auf bestehende Strukturen zu verlassen oder Mangels Strukturen aufzugeben. Da müssen auch mal individuelle Lösungen her, es muss immer ein Plan B und am besten Plan C in der Hinterhand sein, was die Kinderbetreuung angeht. Das geht nicht ohne ein gutes Netzwerk.

Antje Diller-Wolff – Foto Nico Klein-Allermann

Antje Diller-Wolff

leitet das Team von shs medien. Die studierte Medien- und Sprachwissenschaftlerin ist seit vielen Jahren bekannt als Moderatorin, Live-Reporterin, Autorin und Sprecherin für Medien wie Spiegel TV und den NDR.

Vorheriger Beitrag

Multilevelmarketing: Einstieg in die Selbstständigkeit?

Nächster Beitrag

Bessere soziale Absicherung für Solopreneure - Vorschläge gesucht

kein Kommentar

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.