Sparziel erreicht? Wie der Start in die (Früh-)Rente gelingt!
Von Katharina Lüth
Wer sein persönliches Sparziel erreicht hat, steht vor einer schönen, aber nicht immer ganz einfachen Entscheidung: Wie soll man das ersparte Vermögen planbar und möglichst lange genießen? Möchte ich etwas hinterlassen und meinen Vermögensstand halten oder das Ersparte bis zum Lebensende aufbrauchen? Teil 2 unserer Reihe zur finanziellen Freiheit widmet sich den wichtigsten Fragen und Fallstricken rund um die Entnahmephase von angespartem Vermögen.
„Während die Höhe der gesetzlichen Rente sowie Renten aus privaten und betrieblichen Altersvorsorgeverträgen ein Leben lang in kalkulierbarer Höhe ausgezahlt werden, kann man über zusätzliches Vermögen auf dem Konto und Depot frei verfügen. Das gibt viel Handlungsspielraum, fordert aber auch weitsichtige und bewusste Entscheidungen“, weiß Katharina Lüth, Sparexpertin und Vorständin bei Raisin.

Katharina Lüth, Sparexpertin, CCO und Vorständin bei Raisin / Foto Raisin
Fallstrick Nr. 1: Unterschätzen der Lebenserwartung
„Beim Setzen eines Vermögenszieles für den Ruhestand unterschätzen viele ihre eigene Lebenserwartung. Frauen erreichen in Deutschland im Schnitt ein Alter von über 87 Jahren, Männer werden rund 84 Jahre alt. Dabei zeigen Umfragen, dass Frauen ihre Lebenserwartung um knapp sechs Jahre unterschätzen, bei Männern sind es fast vier Jahre. Wer mit 67 Jahren in Rente geht, sollte also mindestens mit 20 Jahren Ruhestand rechnen – besser sogar mit 30 Jahren. So ist sichergestellt, dass bis zum Lebensende immer genug Rücklagen für die schönen Dinge im Leben übrig sind“, rät Katharina Lüth.

Modellrechnung mit nominalen Durchschnittsrenditen inkl. Ausgleich von zwei Prozent Inflation, Kapitalverzehr über 30 Jahre in einem linearen Modell ohne Berücksichtigung von Rendite-Reihenfolge-Risiken, Steuern und Gebühren.
Grundsatzfrage: Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt?
Ob das Vermögen dauerhaft erhalten bleiben oder planmäßig aufgebraucht werden soll, ist dabei eine zentrale Frage. Zwischen Kapitalerhalt und vollständigem Kapitalverzehr liegt ein deutlicher Unterschied in der erforderlichen Rendite. Richtwerte liefert eine Modellrechnung mit einer monatlichen Entnahme von 1.000 Euro bei zwei Prozent Inflation – dargestellt in der folgenden Tabelle.
Fallstrick Nr. 2: Das Rendite-Reihenfolge-Risiko
Durchschnittliche Renditen am Kapitalmarkt gibt es jedoch nur in Modellrechnungen. In der Realität folgen nicht selten einige überdurchschnittlich gute Jahre auf Korrekturen und Krisen sowie lange Seitwärtsbewegungen. Wer kurz vor Renteneintritt oder zu Beginn des Ruhestandes eine Krise am Kapitalmarkt erwischt, läuft Gefahr, dass das Vermögen weit vor dem Lebensende aufgebraucht ist. Besonders dann, wenn die Entnahmen regelmäßig und unabhängig von der Marktphase erfolgen. Wer seinen Lebensstandard im Ruhestand nicht von Schwankungen am Kapitalmarkt abhängig machen möchte, sollte daher den Aktienanteil im Portfolio verringern. Eine Faustformel zur geeigneten Aktienquote lautet: 100 minus Lebensalter.
Katharina Lüth: „Mit Blick auf die Entnahmephase bekommen Stabilität und Planbarkeit einen deutlich höheren Stellenwert. Die Faustformel zur Aktienquote kann ein grober Anhaltspunkt sein, sollte aber immer mit konkreten Zielen und der tatsächlichen Risikobereitschaft abgeglichen werden. Für die meisten Anlegerinnen und Anleger empfiehlt es sich, zum Ruhestand hin sukzessive Aktien-ETFs zu verkaufen und auf planbare Zinserträge von Fest- und Tagesgeldkonten oder Anleihen zu setzen. Das nimmt Schwankungen aus dem Depot und bewahrt vor bösen Überraschungen.“
Der Übergang vom Ansparen zum Entsparen ist auch psychologisch herausfordernd. Wer jahrzehntelang seinem Depotstand beim Wachsen zugesehen und auf maximale Rendite gehofft hat, muss plötzlich umdenken. In der Entnahmephase können Rücksetzer an der Börse nicht mehr als verhältnismäßig günstige Zeitpunkte verstanden werden, in denen man für seine Sparrate mehr Anteile zukaufen kann. Vielmehr müssen sich alle, die sich für einen moderaten oder vollständigen Kapitalverzehr entschieden haben, mit immer kleiner werdendem Depotstand zurechtfinden.
Flexibilität als Königsweg in die Rente
Wer Entnahmen flexibel gestalten kann und nicht in voller Höhe auf diese angewiesen ist, um eine etwaige Rentenlücke zu füllen, kann auch im Rentenalter von Chancen am Kapitalmarkt profitieren und in Krisenjahren seine Entnahmen verringern oder aussetzen. Auch eine Staffelung nach Lebensphasen kann sinnvoll sein: Höhere Entnahmen in den aktiven ersten Jahren des Ruhestandes und geringere Entnahmen im hohen Alter.
Ausreichend Flexibilität bei der Entnahme bei gleichzeitiger Planbarkeit der Zinserträge bietet eine Zinstreppe mit Festgeldern aufsteigender Laufzeiten, beispielsweise von 12 bis 60 Monaten. Damit wird jedes Jahr Geld verfügbar, das zum Aufrechterhalten des Lebensstandards und zur Erfüllung von besonderen Wünschen verwendet werden kann. Übriges Geld kann wieder reinvestiert werden.
„Den passenden Entnahmeplan kann man nur festlegen, wenn man sich konkrete Ziele setzt. ‘Wie viel möchte ich monatlich im Ruhestand entnehmen und wie viel Risiko kann und will ich dafür tragen?’ Wer auf diese Fragen Antworten findet, kann sein Portfolio zukunftssicher aufstellen“, resümiert Katharina Lüth.
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