„Vertrauen ist gut, Due Diligence ist Pflicht“
Von Anne Mehles von system 360
Der Handschlag war fest, die Zahlen überzeugend, die Präsentation makellos. Drei Monate später stand das österreichische Mittelstandsunternehmen vor einem Scherbenhaufen: Der neue Geschäftspartner entpuppte sich als vorbestraft, die angeblich solide Firma als Briefkastenkonstrukt mit Sitz auf den Cayman Islands. Was wie ein Einzelfall aus einem Wirtschaftskrimi klingt, passiert häufiger als gedacht. Anne Mehles, Prokuristin der Luzerner Beratung system 360 AG, kennt solche Geschichten zur Genüge.
Mehles spricht aus Erfahrung. Seit über 35 Jahren beschäftigt sich system 360 mit dem, was andere gerne übersehen: verborgene Risiken, zweifelhafte Biografien, undurchsichtige Unternehmensstrukturen. Das interdisziplinäre Team aus Juristen, Kriminologen, Informatikern, Wirtschaftsexperten und Psychologen arbeitet dort, wo klassische Wirtschaftsprüfung aufhört, und forensische Detailarbeit beginnt. Doch warum braucht es überhaupt solche aufwendigen Überprüfungen? Reichen die üblichen Checks nicht aus?
Die Antwort liegt auf der Hand, wird aber erstaunlich oft ignoriert. Wer heute ein Unternehmen übernimmt, sich an einem Start-up beteiligt oder eine strategische Partnerschaft eingeht, bewegt sich in komplexen Geflechten. Gesellschafterstrukturen, die über drei Ländergrenzen verlaufen. Geschäftsführer mit Lebensläufen, die bei genauerem Hinsehen merkwürdige Lücken aufweisen. Referenzen, die nicht halten, was sie versprechen. „Kritische Verbindungen, unklare Strukturen oder zweifelhafte Vergangenheiten sind nicht immer offensichtlich“, erklärt Mehles. Manchmal verstecken sie sich in Handelsregisterauszügen und manchmal in digitalen Spuren.
Dabei geht es längst nicht nur um spektakuläre Betrugsfälle, die später durch die Medien gehen. Oftmals sind es die vermeintlich harmlosen Details, die später zu erheblichen Problemen führen. Ein Berater, der in früheren Projekten massiv gescheitert ist und dessen Spuren sich durch mehrere Insolvenzen ziehen. Eine Firma, die zwar legal agiert, aber in Branchen tätig war, die reputationsgefährdend sein könnten. Oder schlicht ein Geschäftspartner, dessen Netzwerk politisch oder wirtschaftlich problematische Verbindungen aufweist. Verbindungen, die erst Jahre später ans Licht kommen und dann für Schlagzeilen sorgen.
Solche Informationen tauchen selten in Standardprüfungen auf. Sie erfordern Recherchetiefe, analytisches Denken und, das betont Mehles immer wieder, eine gewisse kriminalistische Neugier. „Man muss wissen, wo man suchen muss“, sagt sie. Das geht weit über Google und LinkedIn hinaus. Es bedeutet, Register zu durchforsten, internationale Datenbanken abzufragen, Muster zu erkennen. Und vor allem: die richtigen Fragen zu stellen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Im Vorfeld einer größeren Transaktion sollte ein ausländischer Dienstleister eingebunden werden, der bereits bei vergleichbaren Projekten tätig gewesen war. Referenzen und Auftreten waren überzeugend. Eine vertiefte Prüfung durch system 360 ergab jedoch, dass die operative Gesellschaft erst kurz zuvor gegründet worden war und in ihrer aktuellen Struktur keine belastbare Historie aufwies. Gleichzeitig ließen sich Verbindungen zu früheren Konstellationen erkennen, in denen dieselben handelnden Personen in Strukturen involviert waren, die später im Zusammenhang mit Veruntreuung untersucht wurden. Vor diesem Hintergrund wurde die Einbindung gestoppt und durch eine alternative Lösung ersetzt.
Vertrauen als Geschäftsgrundlage und als Risiko
Interessanterweise zeigt sich immer wieder ein Muster: je größer das Vertrauen zwischen Vertragsparteien, desto nachlässiger die Prüfung. Gerade bei Empfehlungen aus dem eigenen Netzwerk wiegen sich Unternehmer in falscher Sicherheit. „Der kommt doch über einen Freund“. Dieser Satz ist gefährlicher, als viele ahnen. Wirtschaftskriminalität lebt geradezu von Vertrauen. Betrüger setzen darauf, dass niemand nachfragt. Dass die Zahlen gut genug aussehen. Dass die Geschichte plausibel klingt. Dass persönliche Sympathie kritische Distanz ersetzt.
Ein Private-Equity-Investor aus Zürich erzählte Mehles einmal von einem Deal, der beinahe schiefgegangen wäre. Das Zielunternehmen wurde ihm von einem langjährigen Geschäftspartner empfohlen. Die Zahlen waren solide, das Management schien kompetent, die Wachstumsstory überzeugend. Nur auf Drängen seiner Rechtsabteilung ließ er eine forensische Due Diligence durchführen. Die Prüfer fanden heraus, dass einer der Gesellschafter über ein Netzwerk von Firmen mit einem Unternehmen verbunden war, das in einen größeren Korruptionsskandal verwickelt gewesen war. Legal war die Konstruktion. Reputationsschädigend wäre sie zweifellos gewesen. Der Investor zog sich zurück. Zwei Jahre später brach die Geschichte öffentlich auf, mit entsprechenden Folgen für alle Beteiligten.
Mehr als nur Risikominimierung
Die Kosten einer gründlichen Due Diligence mögen auf den ersten Blick hoch erscheinen. Doch im Verhältnis zu den potenziellen Folgen unzureichender Prüfung sind sie regelmäßig gering. Mehles berichtet von Fällen, in denen erhebliche Werte abgeschrieben werden mussten, weil entscheidungsrelevante Informationen im Vorfeld nicht erkannt wurden, von Beteiligungen mit strukturellen Schwächen, die erst nach Vollzug sichtbar wurden, und von Konstellationen, in denen handelnde Personen nicht die erforderliche Integrität aufwiesen. „Das sind keine Einzelfälle, sondern wiederkehrende Muster“, sagt sie.
Dabei geht es nicht um pauschales Misstrauen, sondern um Professionalität und Verantwortungsbewusstsein. Klassische Prüfungsansätze, insbesondere die Legal Due Diligence, setzen ihren Fokus nachvollziehbar auf Verträge, rechtliche Risiken und formale Strukturen. Sie folgt klar definierten Prüflogiken und wirtschaftlichen Schwellenwerten. Aspekte, die sich nicht unmittelbar aus Dokumenten ableiten lassen, bleiben dabei häufig außerhalb des Prüfungsumfangs. Gerade Reputationsrisiken, personelle Verflechtungen oder nicht offengelegte Interessenkonflikte werden selten systematisch adressiert, obwohl sie im Ernstfall erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben können.
Die Financial Due Diligence wiederum schafft Transparenz über Ertragskraft, Cashflow-Strukturen und die finanzielle Belastbarkeit eines Targets. Sie beantwortet die Frage, ob ein Geschäftsmodell trägt und wie nachhaltig die wirtschaftliche Entwicklung ist. Was sie naturgemäß nicht leisten kann, ist die qualitative Einordnung von Hintergründen, Netzwerken und Verhaltensmustern der handelnden Personen.
Genau an diesen Schnittstellen setzt system 360 an. Der Ansatz ergänzt bestehende Prüfprozesse um eine analytische Perspektive, die über Zahlen und Verträge hinausgeht. Im Mittelpunkt steht die strukturierte Auswertung öffentlich zugänglicher und spezialisierter Datenquellen, die Verknüpfung von Informationen sowie die Einordnung in einen wirtschaftlichen Kontext. Ziel ist es, ein belastbares Gesamtbild zu schaffen, das auch solche Risiken sichtbar macht, die in klassischen Due-Diligence-Strängen nicht abgebildet werden.
Für Investoren, insbesondere im Private-Equity-Umfeld, ist dieser zusätzliche Erkenntnisgewinn entscheidend. Wer Transaktionen verantwortet, muss nicht nur verstehen, was auf dem Papier steht, sondern auch, mit wem er es tatsächlich zu tun hat. Eine fundierte, ergänzende Prüfung ermöglicht es, Risiken frühzeitig zu erkennen, Annahmen zu hinterfragen und Entscheidungen auf eine breitere Grundlage zu stellen. Sie schafft damit nicht nur Sicherheit, sondern erhöht auch die Qualität der Transaktion insgesamt.
Die Kombination aus Erfahrung und methodischer Tiefe ist dabei zentral. Während klassische Betrugsmuster und bekannte Risikokonstellationen erkannt werden, lassen sich zugleich neue, zunehmend digitale Strukturen und Abhängigkeiten analysieren. So entsteht ein differenziertes Verständnis, das sowohl etablierte als auch emerging risks abdeckt.
Eine solche erweiterte Due Diligence ist nicht nur ein Instrument der Risikominimierung, sondern auch ein strategischer Vorteil. Investoren, die über ein vollständigeres Informationsbild verfügen, können Transaktionen gezielter strukturieren, Verhandlungen fundierter führen und Chancen bewusster nutzen.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob zusätzliche Prüfung notwendig ist, sondern wie umfassend sie sein sollte. Anne Mehles bringt es auf den Punkt: „Sicherheit beruht nicht auf Annahmen, sondern auf Wissen. Wer Risiken verstehen will, muss tiefer blicken.“ Vertrauen bleibt die Grundlage jeder Transaktion, doch es sollte stets auf fundierter Information beruhen.
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