Unternehmerinnenporträts

Biologin Dr. Nada Raddaoui: „Da war kein Weg für mich – ich bin ihn trotzdem gegangen.“

Aus der Redaktion

Es ist eine Geschichte, die sich liest wie eine Herausforderung an alle vorgezeichneten Wege: Nada Raddaoui, geboren in Gafsa im tunesischen Landesinneren, weit entfernt von den Zentren der Forschung, wurde zur ersten tunesischen Frau, die an der LMU München in Chemie promovierte. Heute ist sie Unternehmerin, Wissenschaftlerin und Role-Model – nicht nur für junge Frauen aus Nordafrika, sondern für all jene, die an den eigenen Traum glauben.

Wurzeln, Werte und der Mut zur eigenen Vision

In Raddaouis Elternhaus hatten Bildung, Engagement und familiärer Zusammenhalt einen besonderen Stellenwert. Als mittlere von drei Töchtern wuchs sie in einem Umfeld auf, das Leistung förderte – ohne Leistungsdruck, aber mit Haltung. Ihr Vater, der Mathematiker Bechir Raddaoui, wurde zu ihrer intellektuellen Leitfigur. Und von ihrer Großmutter Khadija übernahm sie jenes Motto, das sie bis heute begleitet: „Das Glück ist mit den Tüchtigen.“

Schon früh zeigte sich ihr Talent für Mathematik. Doch es war die Welt der Biologie und Biochemie, die sie schließlich fesselte. Als sie beschloss, im Ausland zu studieren, standen ihre Eltern hinter ihr – ein ungewöhnlicher Schritt für viele junge Frauen in ihrem Heimatland. Der Weg führte sie zunächst nach Innsbruck, unterstützt von der dort lebenden Familie ihres Onkels.

Ihr Start in Europa war denkbar unspektakulär – und zugleich kraftvoll symbolisch. „Mein Startkapital bestand aus einem Koffer voller Klamotten, einem Container voller Träume und der Weisheit meiner Großmutter, die immer an mich glaubte“, sagt sie rückblickend.

Die wissenschaftliche Laufbahn: Von München nach Monaco

An der LMU München tauchte Raddaoui tief in die Naturwissenschaften ein und schloss schließlich ihren Master in Human- und Zellbiologie ab. Parallel arbeitete sie bei der Baseclick GmbH, bevor sie 2012 an das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung wechselte. Dort entwickelte sie im Rahmen ihrer Masterarbeit eine Methode zur Genmarkierung mittels Click-Chemie – ein innovatives Verfahren mit Potenzial für die Krebsdiagnostik und Genetik. Für diese Leistung erhielt sie den Sonderpreis „Life Sciences“ beim Scidea-Ideenwettbewerb.

2019 folgte der wissenschaftliche Meilenstein: die Promotion an der LMU über neue Diagnostikmethoden für genetische Erkrankungen. Damit wurde sie offiziell die erste tunesische Frau, die an der renommierten Universität den Doktortitel in Chemie erlangte.

Ihre Forschung im Bereich der Leukämiediagnostik brachte ihr internationale Anerkennung. 2021 wurde sie mit dem Preis „Monte Carlo Woman of the Year“ ausgezeichnet – eine Ehrung für Frauen, die Gesellschaft und Wissenschaft maßgeblich prägen. Heute ist Raddaoui Botschafterin und Sponsorin des Monaco Women Forum.

Führungskraft, Netzwerkerin und Mentorin

Seit April 2024 steht sie als Geschäftsführerin an der Spitze des Clusters für Nukleinsäure-Therapeutika (CNATM) an der LMU München. Das Netzwerk aus vier Universitäten und 14 Biotechnologieunternehmen arbeitet daran, neuartige Medikamente und Impfstoffe auf Nukleinsäurebasis zu entwickeln – mit dem Ziel, Krankheiten früher zu erkennen und präziser zu behandeln. In ihrer Rolle vereint Raddaoui Expertise aus Forschung, Biotechnologie und Gesundheitswesen und gestaltet so ein Feld mit, das die Medizin der Zukunft prägen wird.

Doch ihr Engagement endet nicht im Labor oder im Konferenzraum. Als Mentorin setzt sie sich für Mädchen und Frauen mit Migrationsgeschichte ein. Sie ist überzeugt: „Bildung schafft Freiheit. Und Freiheit schafft Möglichkeiten.“

Mit ihrem Unternehmen moppex für nachhaltiges Gebäudemanagement schafft sie Perspektiven für Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt – ein Ansatz, der ökologische Verantwortung mit sozialem Impact verbindet.

Auch jenseits Deutschlands engagiert sie sich: Mit dem Projekt „Lire pour l’avenir“ hilft sie beim Aufbau von Schulbibliotheken in ländlichen Regionen Tunesiens, um Kindern den Zugang zu Bildung zu erleichtern.

Eine Geschichte, die Grenzen verschiebt

Nada Raddaouis Lebensweg zeigt, wie weit Zielstrebigkeit und Mut tragen können. Von den bescheidenen Anfängen in Gafsa bis zur Leitung eines Spitzenclusters in München ist ihr Weg ein Beispiel dafür, wie individuelle Visionen gesellschaftliche Strukturen verändern können.

Sie inspiriert – nicht nur als Wissenschaftlerin und Unternehmerin, sondern als Brückenbauerin zwischen Kulturen, zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Traum und Realität.

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