Unternehmerinnenporträts

Lipödem-Coach Laura Bernunzos Schmerzpunkte wurden zu ihrem Karrieretreiber

Eine Krankheit. Ein Cut. Ein neuer Beruf.

Was wie ein dramatischer Dreisatz klingt, beschreibt in Wahrheit einen Karriereschritt, der im Gesundheitswesen nur selten möglich ist– und noch seltener gewagt wird. Als Laura Bernunzo nach zwölf Jahren eigener Lipödem-Erfahrung beschloss, die Perspektive zu wechseln, entstand nicht nur ein neuer Jobtitel, sondern eine Funktion, die eine bislang übersehene Lücke schließt: die Verbindung aus medizinischem Verständnis, persönlicher Betroffenheit und echter Begleitung.

Laura, nehmen Sie uns einmal mit: Wie sah Ihr Weg bis zu Ihrem heutigen Traumjob aus?

Mir war schon früh klar, dass ich beruflich im Gesundheitsbereich arbeiten möchte. Deshalb habe ich meine Ausbildung zur MFA in einer Kinderarztpraxis gemacht. Doch schon während der Ausbildung merkte ich: Das reicht mir nicht – ich möchte mehr wissen, mehr gestalten und mehr bewirken. Also begann ich ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Medizinmanagement und arbeitete nebenbei Teilzeit in einer gastroenterologischen Praxis. In dieser Phase wuchs auch mein Interesse an Ernährung, Sport und Wohlbefinden, weshalb ich zusätzlich eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin absolvierte.

Nach dem Studium zog es mich ins Krankenhausmanagement. Dort konnte ich meine medizinische Ausbildung und mein betriebswirtschaftliches Wissen optimal kombinieren, um vielseitige Aufgaben zu übernehmen und aktiv mitzugestalten. Diese Erfahrungen haben sich rückblickend als ideale Grundlage für meine heutige Rolle als Gesundheitscoach sowie für die Leitung des Geschäftsbereichs Lipödem erwiesen.

Sie sind Gesundheitscoach für Lipödem – ein Beruf, den es so vorher gar nicht gab. Wie kam es dazu?

Ich habe mich jahrelang intensiv mit dem Lipödem auseinandergesetzt – nicht nur aus Interesse, sondern weil ich selbst betroffen war. Ich habe so vieles ausprobiert, mich weitergebildet und versucht, meine Erkrankung zu verstehen und zu managen. Nach zwölf Jahren entschied ich mich für eine Laserlipolyse bei S-thetic. Meine Erfahrungen und meinen Heilungsprozess habe ich offen auf Instagram geteilt. Die Resonanz war groß: Viele meiner Followerinnen haben sich aufgrund meiner Geschichte bei S-thetic gemeldet. Daraufhin wurde ich von S-thetic angesprochen – und so entstand die Idee, meine Expertise, meine persönliche Erfahrung und mein medizinisches Wissen in einer völlig neuen Rolle zu bündeln. Gemeinsam haben wir das Lipödem-Zentrum aufgebaut und ich durfte eine Tätigkeit kreieren, die es vorher nicht gab. Für mich fühlte sich das wie der Beginn einer neuen Reise an.

Was genau macht ein Lipödem-Coach? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ein Lipödem-Coach verbindet medizinisches Wissen mit persönlicher Erfahrung und mentaler Unterstützung. Als selbst Betroffene kann ich meine Patientinnen sowohl fachlich fundiert als auch emotional abholen – das macht meine Arbeit besonders authentisch.

Mein Arbeitsalltag ist sehr vielseitig: Zunächst biete ich meinen Patientinnen Sprechstunden an, in denen ich sie über die medizinischen Abläufe aufkläre, Ängste nehme und Orientierung gebe. Wenn sie sich für eine Behandlung entscheiden, begleite ich sie während des gesamten Prozesses – von der OP-Vorbereitung bis hin zur Durchführung, immer mit dem Ziel, ihnen Mut zuzusprechen und sie bestmöglich zu unterstützen. Nach dem Eingriff bin ich weiterhin für sie da, begleite sie durch die Heilungsphase und helfe, ihren Alltag gesund und nachhaltig zu gestalten. Es ist mir wichtig, dass sich jede Patientin in jeder Phase gut aufgehoben fühlt.

Ein weiterer Teil meiner Arbeit ist die Ausbildung von anderen Lipödem-Coaches. Hierbei fungiere ich als Bindeglied zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie den Patientinnen, ähnlich wie eine Hebamme für Lipödem-Patientinnen. Diese Rolle ist besonders, weil sie mir ermöglicht, meine Erfahrungen weiterzugeben und das Wissen rund um die Erkrankung zu verbreiten. Gleichzeitig ist mir die Vernetzung unter den Frauen ein großes Anliegen. Der Austausch innerhalb der Community ist enorm wichtig, denn viele haben ähnliche Erfahrungen gemacht, und gerade dieser Austausch hilft, Vertrauen aufzubauen und sich gegenseitig zu stärken.

Es ist mir wichtig, meinen Patientinnen zu zeigen, dass ein erfülltes und gesundes Leben trotz und nach der Erkrankung möglich ist. Das ist der zentrale Gedanke, der meine Arbeit als Lipödem-Coach leitet.

Welche Fähigkeiten oder Erfahrungen helfen Ihnen dabei am meisten?

Vor allem die Kombination aus meiner medizinischen Ausbildung, meinem Managementwissen und meinen zwölf Jahren eigener Erfahrung als Betroffene hilft mir in meinem Alltag enorm. Jede Patientin bringt unterschiedliche Symptome, Fragen und Ängste mit – und genau diese Vielfalt kann ich gut nachvollziehen, weil ich selbst all diese Phasen durchlaufen habe.Coaching bedeutet für mich, mein Wissen zu teilen, Orientierung zu geben und echte Empathie vorzuleben. Diese Kombination ist letztlich mein wichtigstes Werkzeug.

Wie hat es sich angefühlt, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen – von der Patientin zur Expertin?

Der Wechsel von der Patientin zur Expertin war ein unglaublich bewegendes Gefühl. Anfangs war ich überrascht, wie schnell alles ging. Doch das Feedback der Patientinnen war von Anfang an so positiv, dass mir klar wurde: Das ist mein Weg.

Welche Botschaft möchten Sie Frauen mitgeben, die gerade an einem Wendepunkt stehen?

Frauen, die an einem Wendepunkt stehen, ermutige ich immer, zuerst ehrlich in sich hineinzuhören. Frag dich: Was möchte ich wirklich? Was hält mich gerade auf? Und was wäre eigentlich das Schlimmste, das passieren könnte? Oft merken wir dann, dass die Angst vor dem Scheitern viel größer ist als das Scheitern selbst.

Mein Rat: Geh los. Auch wenn du noch nicht jeden Schritt kennst. Wachstum passiert außerhalb der Komfortzone, nicht darin.

Welche drei Dinge würden Sie Ihrem früheren Ich heute raten?

Erstens: Hab keine Angst. Zweitens: Lass dich nicht von deinem Umfeld verunsichern – auch dann nicht, wenn dir alle zu einem „sicheren Job“ raten. Und drittens: Hol dir nur Rat von Menschen, die bereits dort stehen, wo du selbst hin möchtest.

Und vielleicht gäbe es sogar noch einen vierten Rat: Vergleiche dich nicht mit anderen, sondern nur mit deinem Ich von vor einem Jahr. Bleib dran, halte deine kleinen Routinen und werde dir bewusst, was du alles kannst. Am Ende gilt für jede von uns: Man kann Expertin werden – wenn man mutig genug ist, den eigenen Weg zu gehen.

Vielen Dank!

 

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