Unternehmerinnenporträts

Nadine Herpolsheimer: Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge

Politik, Krankenkassen, Arbeitgeberverbände – alle diskutieren über mentale Gesundheit am Arbeitsplatz. Dabei geht es fast immer um Angestellte, Führungskräfte und betriebliche Prävention. Die 3,6 Millionen Selbstständigen und Unternehmer kommen in keiner dieser Debatten vor: Sie haben keinen gesetzlichen Anspruch auf Lohnfortzahlung, keinen Betriebsarzt und keine Gefährdungsbeurteilung. Wer als Unternehmer ausfällt, verliert Umsatz und trägt gleichzeitig weiter alle Fixkosten. Die Konsequenz: Sie schweigen und funktionieren aus Angst, dass Kunden, Partner oder das soziale Umfeld es merken.

Nadine Herpolsheimer bricht dieses Schweigen: Als Inhaberin und Geschäftsführerin eines Familienunternehmens im internationalen Risikomanagement für den Automobilhandel geriet sie durch ein langjähriges steuerrechtliches Verfahren in eine existenzielle Ausnahmesituation – wirtschaftliche Unsicherheit, massiver Druck durch Behörden, Kontrollverlust, während die Verantwortung für Unternehmen, Familie und Mitarbeiter weiterbestand. In ihrem Buch „Durch die Hölle ging’s auf High Heels“ beschreibt sie, wie sich eine solche Dauerbelastung psychisch auswirkt und wie sie es trotzdem schaffte, handlungsfähig zu bleiben.

Frau Herpolsheimer, sind Sie heute noch in demselben Unternehmensfeld tätig wie vor und während der Steuerfahndung, oder hat sich Ihr Schwerpunkt seither grundlegend verschoben?

Vor der Steuerfahndung haben mein Mann Sven und ich mit Fahrzeugen gehandelt und sie ins EU-Ausland verkauft. Dieses Geschäft war von heute auf morgen beendet. Das Verfahren zog sich über zehn Jahre und wurde am Ende eingestellt.

Was wir über Behörden, Steuersysteme und unternehmerische Selbstverteidigung gelernt haben, wurde zur Grundlage für etwas Neues: Wir haben eine Beratungsfirma im Risikomanagement gegründet. Sven hatte sich auf die Fahne geschrieben, Unternehmerkollegen vor genau dem zu schützen, was uns willkürlich getroffen hatte. Heute ist er eine gefragte Umsatzsteuerkoryphäe, die Autohäuser bundesweit und über die deutschen Grenzen hinaus berät. Ich führe das Unternehmen als Geschäftsführerin – mit meinem Blick für Strategie wie Mitarbeiter und treffe Entscheidungen, die beides zusammenführen.

Was uns damals fast zerbrochen hat, ist heute unser Alleinstellungsmerkmal – deutschlandweit einzigartig.

Über mentale Gesundheit am Arbeitsplatz wird viel diskutiert. Warum bleiben Selbstständige und Unternehmerinnen dabei oft unsichtbar?

Von uns wird vorausgesetzt, dass wird stark sind. Das Außen denkt: Sie haben sich das selbst ausgesucht. Sie arbeiten in die eigene Tasche, sie verdienen gut. Und wenn sie Unterstützung brauchen, können sie sich diese ja holen.

Und genau das ist der blinde Fleck. Alle sehen nur das Unternehmen, die Leistung, den Erfolg. Was man nicht sieht, ist der Mensch dahinter, der dieses ganze System schultert.

Viele Unternehmerinnen übergehen ihre eigenen Bedürfnisse, weil sie es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen. Sie wissen: Wenn ich ausfalle, fällt nicht einfach nur ein Termin aus. Dann kann im Unternehmen etwas ins Wanken kommen, und den daraus resultierenden Dominoeffekt kann ich nicht abfedern. Deshalb bleiben sie in der Debatte unsichtbar. Sie haben gelernt, ihre Belastung nicht zu zeigen. Gerade von uns Frauen wird immer stille Perfektion erwartet.

Sie sagen, die Belastungen von Unternehmerinnen unterscheiden sich grundlegend von denen von Angestellten. Worin liegt der größte Unterschied?

Der größte Unterschied ist: Für eine Unternehmerin geht es nicht nur um einen Job. Es geht immer auch um ihre Existenz. Um ihr Lebenswerk, ihr Baby, um das, was sie aufgebaut hat, wofür sie brennt, Risiko getragen hat und wofür sie jeden Tag aufsteht.

Wenn ein Angestellter seinen Job verliert, ist das natürlich belastend. Keine Frage. Aber in unserem Sozialstaat gibt es zunächst ein Auffangnetz. Und meistens gibt es auch die Möglichkeit, wieder eine neue Stelle zu finden.

Bei einer Unternehmerin ist das anders. Wenn ihr Business scheitert, scheitert nicht einfach nur eine berufliche Station. Dann steht alles infrage: nicht nur Sicherheit und Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden, Familie, sondern auch die eigene Reputation und Identität.

Und dazu kommt: Als Angestellte oder Angestellter ist man meist nur für einen bestimmten Bereich verantwortlich. Als Unternehmerin denkt man jeden Bereich mit: Finanzen, Personal, Vertrieb, strategische Entscheidungen für die Zukunft.

Genau deshalb gibt es für uns auch keinen echten Feierabend. Der Laptop ist vielleicht aus, aber der Kopf ist es nicht. Die Gedanken und Probleme sitzen mit am Esstisch. Sie fahren mit in den Urlaub, teilen mit Dir das Bett, und sind auch am Wochenende Dein ständiger Begleiter.

Ich finde es manchmal so amüsant, wenn ich nach einem Urlaub gefragt werde: Na, und wie war’s? Die Bilder sahen ja so toll aus. Ich schmunzle dann oft und sage:

„Ja, es war ein toller Ortswechsel!“ und dann werde ich mit großen Augen angeschaut und gefragt: „Wie meinst Du das?“ Ich: „So, wie ich es gesagt habe. Anderer Ort, gleicher Kopf, diesmal fiel es mir leider schwer abzuschalten. Auch wenn der Meerblick manches leichter gemacht hat.“

Nadine Herpolsheimer ist Inhaberin und Geschäftsführerin eines Familienunternehmens im Risikomanagement für den internationalen Automobilhandel. In ihrem Buch „Durch die Hölle ging’s auf High Heels“ verarbeitet sie die Erfahrungen eines mehrjährigen Steuerfahndungsverfahrens und dessen Auswirkungen auf Familie, Partnerschaft und Unternehmertum. Sie lebt mit ihrer Familie in Kulmbach bei Nürnberg. Weitere Infos sind in der beigefügten Autoreninfo und auf der Website: https://nadineherpolsheimer.de/index.html

Ein langjähriges steuerrechtliches Verfahren brachte Sie in eine existenzielle Krise. Wann wurde Ihnen klar, dass diese Situation Ihr Leben nachhaltig verändern würde?

Das wurde mir nach ungefähr sechs Wochen klar. Am Anfang denkt man noch: Das klärt sich. Es gibt Fakten, es gibt Unterlagen. Es gibt eine Wahrheit. Und wenn man diese Wahrheit darlegt, dann wird sie auch gesehen.

Aber irgendwann habe ich verstanden: Hier geht es nicht automatisch um Gerechtigkeit. Hier greift dieser sehr einfache, aber wahre Satz: „Recht haben und recht kriegen“ sind zwei verschiedene Dinge.

Als ich verstanden hatte, dass die Finanzbehörden an ihrer Betrachtung festhalten und sich diese Angelegenheit sehr wahrscheinlich erst vor Gericht klären würde, war das für mich ein Wendepunkt.

Wir wussten damals nicht, wie lange sich dieses Verfahren ziehen würde. Wir wussten nicht, dass daraus am Ende zehn Jahre werden. Aber ich habe in diesem Moment gespürt: Die Welt, in der ich mich vorher sicher gefühlt habe, existiert so nicht mehr und kommt nicht wieder.

Ich wusste vorher, woran ich bin. Ich kannte meine Grenzen, mein Spielfeld, und ich wusste immer, wie ich mich in dieser Welt zu bewegen hatte. Plötzlich hat genau dieses System nicht mehr gegriffen.

Alles, was mir früher Sicherheit gegeben hat: Leistung, Kontrolle, Verlässlichkeit, Disziplin, half ab sofort nicht mehr. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Wir schlagen hier nicht einfach ein neues Kapitel auf. Wir müssen ein komplett neues Buch schreiben.

Wie haben Sie die Verantwortung für Unternehmen, Mitarbeitende und Familie in dieser Zeit getragen?

In erster Linie durch Akzeptanz. Zwar blieb die Situation unverändert, doch indem ich sie akzeptierte, konnte ich jeden Tag entscheiden, wie ich damit umgehe. Das war mein Schlüssel.

Ich hörte auf, meine Kraft in den Widerstand gegen eine Realität zu investieren, die ich nicht verändern konnte. Ich konnte das Verfahren nicht beschleunigen und nicht kontrollieren, wie andere entschieden.

Doch ich konnte entscheiden, wie ich reagiere, worauf ich meinen Fokus richte und wofür ich meine Kraft einsetze.

Ich habe angefangen, die Information von der Emotion zu trennen. Wenn ein Schreiben kam, habe ich nicht sofort aus der Angst heraus reagiert, sondern genauer hingesehen: Was bedeutet das jetzt wirklich? Was kann ich konkret tun? Welche Reaktion bringt uns weiter?

Ich habe bewusst entschieden, was meine Energie bekommt. Dafür gibt es dieses alte Bild von den zwei Wölfen im Menschen. Der eine steht für Angst, Sorge, Grübeln. Der andere für Vertrauen, Klarheit, Disziplin, Dankbarkeit und den nächsten richtigen Schritt. Am Ende gewinnt der Wolf, den man füttert.

Gleichzeitig wurden kleine Momente wichtig: morgens bewusst aufzustehen, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, meiner Tochter wirklich zuzuhören, mit meinem Mann ehrliche Zeit zu verbringen – ohne Handy, ohne Ablenkung. Ein weiterer Schlüssel war Dankbarkeit.

Mein Mann und ich haben ein Abendritual eingeführt: Jeder erzählte von den Momenten des Tages, die ihm ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatten. Eine freundliche Verkäuferin beim Bäcker, , ein wichtiger Neukunde.

Für uns war das ein Wendepunkt, weil wir jeden Abend gespürt haben, dass es neben der Krise auch noch etwas anderes gibt, das uns stärkt. Etwas, das nicht vom Ausgang eines Verfahrens abhängt.

Warum fällt es Unternehmerinnen und Unternehmern so schwer, über psychische Belastungen zu sprechen?

Als die Steuerfahndung eines Morgens vor der Tür steht, kippt das Leben von Nadine Herpolsheimer in wenigen Sekunden. Sechsstellige Umsatzsteuer-Rückerstattungen werden gestoppt, die Existenz bedroht, Entscheidungen fallen nicht mehr im eigenen Haus, sondern in einer knallharten Behörde. Was folgt, sind Jahre, die alles fordern: die Ehe, die eigene Identität, den Glauben an Gerechtigkeit. Nadine beschreibt schonungslos, wie Ohnmacht und Scham sich in den Alltag schleichen, wie sie und ihr Mann als Paar durch die tiefste Krise gehen und wie Spiritualität für sie zur Überlebenspraxis wird. Sie erfährt, was innere Führung bedeutet: sich nicht von Systemen definieren zu lassen, sondern allein vom eigenen Kompass. Dieses Buch ist keine Anleitung und kein spiritueller Shortcut – es ist eine gelebte Rückeroberung der eigenen Wahrheit. Es zeigt, wie Bewusstsein entsteht, wenn man sich der Realität stellt. Wie Klarheit wächst, wenn alle Masken fallen. Wie ein neues Leben beginnt, wenn man lernt, sich selbst bedingungslos zu folgen. Über die Autorin Nadine Herpolsheimer ist Geschäftsführerin eines Unternehmens im Risikomanagement für den internationalen Automobilhandel. Die jahrelange Fremdbestimmung durch ein Steuerfahndungsverfahren veränderte ihren Blick auf Verantwortung, Führung und Spiritualität. Heute führt sie mit ihrem Mann ein erfolgreiches Unternehmen und begleitet als Mentorin Menschen an persönlichen Wendepunkten. Sie lebt mit ihrer Familie in Kulmbach, in der Nähe von Nürnberg.

In der Unternehmerrolle steckt ein Bild, das wenig Spielraum lässt: Stärke, Klarheit, Entscheidungsfähigkeit. Wer ein Unternehmen führt, muss funktionieren – auch in schwierigen Situationen. Zweifel, Ängste oder persönliche Krisen sind in diesem Bild nicht vorgesehen.

Dazu kommt die Sorge: Wer offen über Belastungen spricht, riskiert, dass diese Offenheit gegen ihn verwendet wird. Banken werden vorsichtiger, Geschäftspartner ziehen sich zurück, Kunden zweifeln an der Leistungsfähigkeit. Wettbewerber wittern eine Schwachstelle. Also entscheidet man sich für das, was sicher scheint: zu schweigen.

Der Preis dafür ist hoch und wir haben ihn auch gezahlt. Wer nicht redet, bleibt allein mit allem, was belastet und isoliert sich. Die Last wird dadurch nicht kleiner, sie bleibt nur im Außen unsichtbar. Das haben wir selbst auf die harte Tour lernen müssen.

Spielen Scham und die Angst vor einem Reputationsverlust dabei eine besondere Rolle?

Scham bekommt hier die Hauptrolle. Vertrauen ist im Unternehmertum DIE wirtschaftliche Währung. Entsteht im Umfeld der Eindruck, jemand sei überfordert oder instabil, hat das unmittelbare Folgen – für Geschäftsbeziehungen, Finanzierungen, Aufträge.

Ich habe das selbst erlebt. Wie meine Ehrlichkeit zu einem Hebel wurde, den andere gegen mich eingesetzt haben. Wie Vertrauen sich in Schadenfreude verwandelt hat. Und wie ich irgendwann an einem Punkt stand, an dem ich nicht mehr wusste, wem ich mich anvertrauen kann, ohne dass hinter meinem Rücken geredet wird. Das führte zwangsläufig zum Rückzug aus unserem Freundeskreis und sozialem Umfeld.

Gab es Momente, in denen Sie selbst daran gezweifelt haben, weiterzumachen?

Ans Aufgeben? Zu keiner Zeit. Ob ich es durchhalte, das war eine andere Frage.Ich war schon immer eine Kämpferin. Besonders wenn es um Gerechtigkeit ging, gab es für mich keine Kompromisse.

Da wir in etwas hineingeschlittert waren, was wir uns nicht ausgesucht hatten, war Aufgeben für mich keine Option. Für mich gab es nur die Entscheidung, uns wieder herauszukämpfen.

Mein Mann und ich wurden in dieser Zeit zu einer stillen Einheit. Gemeinsam hielten wir den Fokus, blickten diszipliniert nach vorn und setzten jeden Tag die Segel neu.

Natürlich war es manchmal extrem anstrengend. Es ist mir an manchen Tagen schwergefallen, am nächsten Morgen wieder aufzustehen. Und ja, manchmal hatte ich schon sonntagabends Bammel vor der kommenden Woche. Daraus mache ich keinen Hehl. Aber ich wusste, wofür wir hier angetreten sind.

Irgendwann habe ich es fast wie eine Form von Teamsport gesehen. Es ging nur noch darum, dieses Match jetzt zu gewinnen. Auch wenn ich mich gedanklich immer mal wieder in eine einsame Berghütte zurückgezogen habe und mir wünschte, einfach eine Auszeit nehmen zu können. Nichts hören, nichts sehen. Kein Handy. Niemand außer meinem Hund und mir.

Dieser Wunsch ist bis heute unerfüllt geblieben, weil ein so langer Rückzug aus dem Unternehmen für alle Beteiligten unfair gewesen wäre. Man lässt sein Team in der zweiten  Halbzeit nicht hängen. Aber wer weiß, vielleicht hole ich das irgendwann nach.

Was hat Ihnen geholfen, trotz allem handlungsfähig zu bleiben?

Ganz klar: Vorbilder. Menschen, die durch vergleichbare Situationen gegangen sind und wieder herausgefunden haben. Ich habe angefangen, in Büchern, Filmen, Dokumentationen nach wahren Begebenheiten zu suchen. Menschen, die erzählt haben, mit welchen inneren Mechanismen sie es geschafft haben, sich aus ihrem persönlichen Worst Case herauszukämpfen und daraus für sich einen Best Case zu machen.

Menschen mit einem inneren Antrieb, mit mentaler Stärke, mit einem Brennen für etwas, das größer war als der Moment, in dem sie gerade feststeckten.

Diese bedingungslose Fokussierung auf das Große und Ganze hat mich sehr berührt. Weil ich gesehen habe: Es gibt Menschen, die durch Situationen gegangen sind, die kaum auszuhalten waren, und trotzdem haben sie sich nicht von dieser Situation definieren lassen.

Durch diese Geschichten habe ich verstanden: Das hier ist eine Aufgabe und Aufgaben kann man lösen. Das hat mir viel Kraft und Mut gegeben. Ich habe gespürt :Wenn andere es geschafft haben, aus etwas scheinbar Unmöglichem wieder einen Weg zu finden, dann können wir das auch.

Das war für mich ein wichtiger Anker. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, wofür wir hier angetreten sind und welches übergeordnete Ziel wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Viele Ratgeber empfehlen Resilienz und positives Denken. Was hilft in einer echten Existenzkrise tatsächlich?

Positives Denken ist mir als Begriff zu generisch, weil es schnell mit diesem „Du schaffst das“-Modus verwechselt wird. Das allein holt Dich aus keiner echten Existenzkrise heraus.

Für mich ist es eher der Überbegriff für das, was man braucht, um sein Leben wieder auszurichten. Das beginnt mit dem bewussten Umgang der eigenen Gedanken.

Viele glauben, sie würden positiv denken, hören sich aber gar nicht selbst zu. Sie merken nicht, wie viele ihrer Sätze voller Negierung sind. Wie oft sie formulieren, was sie nicht wollen, statt klar auszurichten, was sie wollen.

Genau da beginnt für mich die Macht der Gedanken. Ich habe sehr bewusst darauf geachtet, wie ich formuliere, was ich will, wie meine Zukunft aussehen soll. Welchen Ausgang ich mir für diese Situation wünsche. Nicht: Was darf auf keinen Fall passieren? Sondern: Wohin will ich? Was ist mein Ziel? Was ist mein Best Case?

Es gibt diesen Satz: Achte auf deine Gedanken, denn deine Gedanken werden irgendwann zu deinen Taten. Und deine Taten formen dein Leben. Als ich gespürt habe, dass diese Ausrichtung wirklich etwas bewegt, habe ich sie als festen Anker eingebaut. Und ja, ich habe auch meinen Mann immer wieder korrigiert, wenn er in die Negierung abgerutscht ist.

Und Resilienz? Was ist das eigentlich?

Für mich bedeutet Resilienz, dass wir nicht sofort an allem zerbrechen, was uns widerfährt. Dass wir mental stabil bleiben. Doch das ist leichter gesagt als getan, solange wir permanent durch Situationen von außen emotional getriggert werden. Deshalb ist Resilienz für mich genau das: die Information von der Emotion zu trennen. Das hilft in einer echten Existenzkrise tatsächlich.

Gab es einen Wendepunkt, an dem Sie gespürt haben: Jetzt geht es wieder bergauf?

Ja, aber nicht in Form dieses einen großen Moments. Es waren eher kleine Dinge, an denen ich gespürt habe: Jetzt verschiebt sich etwas. Ein wichtiger Wendepunkt war für mich, als sich nach ein paar Monaten die Dynamik in unserer Ehe wieder zum Besseren verändert hat.

Wir haben aufgehört, uns gegenseitig Schuld für große oder kleine Dinge zu geben. Wir haben aufgehört, recht haben zu wollen und wir haben aufgehört, alles persönlich zu nehmen.

Irgendwann haben wir verstanden, dass es hier um weitaus mehr geht als um den eigenen Egoismus oder darum, wer gerade im Recht ist. Dadurch hat sich die Energie in unserer Ehe verändert. Wir wurden wieder leichter und positiver. Diese Energie hat sich natürlich auch auf das Business übertragen und die ersten Erfolge haben sich eingestellt. Tröpfchenweise, aber sie kamen.

Genau das hat mir wieder Mut und Kraft gegeben, weiter nach vorne zu schauen, weil ich gespürt habe: Es bewegt sich etwas. Es begannen sich Türen zu öffnen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren.

Ich wusste wieder: Du kannst im Leben sehr viel schaffen, wenn du wirklich daran glaubst, deinen Fokus behältst, diszipliniert bleibst und akzeptierst, dass sich vieles erst bewegt, wenn man selbst nicht mehr stehenbleibt.

Formularbeginn

Welche Erkenntnis über sich selbst haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Ich habe verstanden, dass ich weitaus mehr bin als das, was mir widerfährt. Ich entscheide, wie ich mit Situationen umgehe und wie ich darauf reagiere.

Ich habe aufgehört, mich von Meinungen im Außen verrücktmachen zu lassen, und angefangen, meine Antworten wieder in mir selbst zu suchen. Dort habe ich sie auch gefunden.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse war: Niemand kommt, um mich zu retten. Dafür bin ich ganz alleine selbst verantwortlich.

Mein Rettungsanker war damals wirklich der Rückzug in die Stille, in meine Meditation, in den bewussten Moment. Ich habe nicht mehr im Außen nach Halt gesucht, sondern in mir.

Ich habe verstanden, dass ich sehr viel aushalten kann, wenn ich aufhöre, permanent nach dem Warum zu suchen, und beginne, die Situation so zu akzeptieren, wie das Leben sie mir gerade schenkt. Akzeptanz wurde für mich zu meinem Fundament. Von dort aus habe ich künftig meine Entscheidungen getroffen und von dort aus treffe ich sie bis heute.

Heute weiß ich, dass das Leben mir nur Aufgaben schenkt, an denen ich wachsen und nicht zerbrechen soll. Das wurde zu meinem Leitfaden.

Sie führen ein Unternehmen und sind Mutter. Werden Frauen in Krisensituationen anders bewertet als Männer?

Selbstverständlich werden Frauen in Krisensituationen anders bewertet als Männer. Von Frauen erwartet man die gleiche Stärke, Weitsicht und Funktionalität wie von Männern und zusätzlich diese subtile Selbstverständlichkeit, dass das familiäre System im Hintergrund genauso geräuschlos weiterfunktioniert wie vor der Krise.

Das ist eine Mammutaufgabe, die gerne unterschätzt wird. Wenn eine Frau an ihrer Belastungsgrenze ist, dann wird sie schnell als zickig, emotional oder der Verantwortung nicht gewachsen wahrgenommen.

Während wir Frauen uns die meiste Zeit im Spagat befinden, sind für die Männer die Aufwärmübungen vollkommen ausreichend, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Ein Mann wird oft über seine Leistung im Unternehmen beurteilt, für seine Stärke und sein Durchhaltevermögen bewundert. Eine Frau hingegen wird, sobald sie auch nur im leisesten Moment aus irgendeiner Rolle kippt, sofort über diesen einen Moment definiert und nicht über das, was sie im Hintergrund alles leistet.

Keiner sieht dieses stille Band, das wir zwischen allen Bereichen halten und miteinander verweben, damit alles weiterhin im Einklang und nach außen hin möglichst geräuschlos funktioniert.

In meinem Fall kam noch dazu, dass viele dachten: Was hat sie denn eigentlich für ein Problem? Sie ist doch als Ehefrau nur mit betroffen.

Das war eine der größten Unverhältnismäßigkeiten, die mir in dieser Zeit entgegengetreten ist. Wenn man seine Ehe ernst nimmt, dann hat in einer Partnerschaft nicht nur einer das Problem, sondern beide. Vielleicht mit unterschiedlichen Ängsten. Vielleicht werden diese Ängste anders getriggert. Aber Existenzängste, die Verantwortung für das Unternehmen und Zukunftsängste teilt man zu 100 Prozent. Deshalb war ich nicht „nur mit betroffen“. Ich war mittendrin. Als Unternehmerin, als Ehefrau, als Mutter.

Hat sich Ihr Verständnis von Stärke und erfolgreicher Führung durch diese Erfahrungen verändert?

Ja, komplett. Früher war Stärke für mich eng mit Perfektion verbunden. Ich habe mich viel über Fremdwahrnehmung definiert und darauf geachtet, dass alles stimmt: die perfekte Ehefrau, die perfekte Familie, das perfekte Unternehmen, das perfekte Haus. Immer hübsche Blumen vor der Haustür, ein frisch gemähter Rasen. Dieses typisch Deutsche: nach außen den Schein wahren.

Doch genau dieses Denken hat sich durch unsere Krise komplett verschoben. Als durch die Steuerfahndung unser Leben von heute auf morgen eine völlig neue Wendung bekommen hat, ist vieles weggebrochen, worüber ich mich vorher definiert hatte. Ich hatte nichts mehr im Griff, keine Kontrolle mehr.

Heute erwächst Stärke für mich aus dem Inneren: Nicht über Titel und Positionen auf einer Visitenkarte, sondern durch Menschlichkeit und Integrität. Kein lautes Vorbild, dem man folgt, weil ich die Chefin bin. Ein leises, dem man aus Respekt folgt.

Das verändert auch, mit wem ich arbeite. Bei meinem Team zählt zuerst, ob wir menschlich zueinanderpassen, ob Vertrauen da ist, ob die Grundhaltung stimmt. Ein Aufgabengebiet kann man lernen. Menschlichkeit, Integrität und Vertrauen sind die Basis.

Erfolgreiche Führung heißt für mich heute nicht mehr, morgens um acht als Erste im Büro zu sitzen und abends als Letzte zu gehen. Sie heißt, ein Team so aufzubauen, dass jeder weiß, wofür er Verantwortung trägt und dass Führung nicht davon abhängt, ob ich physisch im Raum bin.

Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit die mentale Gesundheit von Selbstständigen und Unternehmerinnen stärker wahrgenommen wird?

Was mich stört, ist, dass Unternehmer oft nur an zwei Punkten wirklich wahrgenommen werden: wenn sie extrem erfolgreich sind oder wenn sie scheitern. Die Phasen der Unsicherheit dazwischen werden oft nicht gesehen oder tabuisiert. Dabei entsteht dort die eigentliche Belastung. Nicht erst im Scheitern, sondern lange vorher – im Funktionieren, im Aushalten, im Weitergehen.

Deshalb braucht es aus meiner Sicht eine Entstigmatisierung. Mentale Belastung bei Unternehmern darf nicht automatisch als Schwäche gelesen werden. Sie darf auch nicht erst dann sichtbar werden, wenn jemand zusammenbricht oder wirtschaftlich fällt.

Mein Wunsch ist ein geschützter Raum, in dem man sich auf Augenhöhe mit Gleichgesinnten austauschen kann. Zum Beispiel in Form von Kaminabenden mit anderen Unternehmern, die ähnliche Ängste, Sorgen und Challenges kennen. Ein Ort, an dem Gesichtsverlust und Schadenfreude Fremdwörter sind. Wo man offen sprechen kann, sich gegenseitig inspiriert und sich im besten Fall gegenseitig Lehrgeld erspart.

Welchen Rat würden Sie einer Unternehmerin geben, die gerade an ihrer Belastungsgrenze ist?

In erster Linie Aufgaben abgeben, die mehr Energie ziehen als sie schenken. Ich habe die Stärken meiner Mitarbeiter intensiver genutzt und meine Assistentin stärker einbezogen – sie beherrscht viele Aufgaben im Tagesgeschäft besser als ich. So hatte ich Zeit, mich um die strategischen Themen zu kümmern.

Zweitens: Strebe nicht nach der permanenten Perfektion.

Ich habe irgendwann Wäsche und Co. hintenangestellt, die Tochter öfter im Haushalt einbezogen, beim Lieferservice bestellt, anstatt jeden Tag selbst zu kochen und weniger Besuch eingeladen. So begann ich, meinen Perfektionismus zu entschleunigen und hatte automatisch mehr Zeit, um Kraft zu tanken.

Ein gutes Buch, einen lustigen Abend mit meiner Freundin. Lange Spaziergänge im Wald. Kleine Inseln nur für mich, um abzuschalten und Kraft zu tanken. Dort sind auch meine besten strategischen Ideen entstanden. Anschließend habe ich im Business weitergemacht.

Und abschließend: Was bedeutet Erfolg für Sie heute?

Erfolg bedeutet für mich, ein ehrliches Nein aussprechen zu können: zu einem Projekt, zu einem Kunden, in einer Situation. Ein klares Nein bringt dich oftmals weiter als ein falsches Ja.

Ich prüfe heute viel bewusster, ob ein Neukunde wirklich zu uns passt oder ob er mehr Kraft zieht, als die Zusammenarbeit gibt.

Erfolg heißt auch, aus dem Hamsterrad auszubrechen, in dem man glaubt, es allen recht machen zu wollen. Und Erfolg ist, an einem Mittwochnachmittag den Laptop auch mal um 14 Uhr zuzuklappen, weil der Kopf voll ist, die Sonne scheint und ich meine Zeit gerade mit Schönerem verbringen kann, ohne schlechtes Gewissen. Uns mein größter Luxus ist es, mir keinen Wecker mehr stellen zu müssen. Ich arbeite in meinem Rhythmus.

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