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Carolin Wohlschlögel: Frauen in der Musikindustrie

Carolin Wohlschlögel ist Geschäftsführerin bei recordJet und begleitet seit 2008 den Aufbau und die Entwicklung des Unternehmens. Als freie Beraterin war sie maßgeblich beteiligt an der Entwicklung der Marke und dem Aufbau (fast) aller Unternehmensbereiche seit der Gründung. Sie ist hauptverantwortlich für den Auf- und Ausbau des internationalen Webauftrittes des Unternehmens in der Musikindustrie. Anfang 2019 wurde Carolin mit in die Geschäftsführung aufgenommen und leitet darüber hinaus noch die recordJet Marketing Crew.

Carolin Wohlschlögel: Frauen in der Musikindustrie

Carolin Wohlschlögel / Foto privat

Frauen in der Geschäftsführung, egal in welcher Branche, sind immer noch sehr selten. Wie viele Frauen arbeiten mit Ihnen?

Wir sind ein recht kleines Team – in der Geschäftsführung sind ich und unser Gründer Jorin Zschiesche tätig. Das gesamte recordJet Team legt großen Wert auf gemischte Teams und wir achten auf eine gute Balance zwischen männlichen und weiblichen Mitarbeiter*innen. Momentan arbeiten 13 Frauen und neun Männer in unserem Unternehmen.

Sie sind in der Musikindustrie tätig, ein Bereich, der nach den aktuellen Zahlen immer noch sehr männerlastig ist. Warum schaffen es so wenig Frauen hier Fuß zu fassen?

Im mittleren Management beobachten wir sogar einen Frauenüberschuss, jedoch ist das in den Führungsreihen ganz anders. Wir brauchen unbedingt mehr Frauen in Führungspositionen. Den aktuellen Zahlen nach waren 2019 nur 29,4 Prozent der Führungskräfte weiblich (Destatis). Frauen sind die, die dafür sorgen, dass in der Operative alles rund läuft. Je “höher” man blickt, stagniert auch die Balance der Geschlechter.

Zum einen liegt diese ungleiche Verteilung an den Netzwerk-Strukturen. Männer geben Positionen an “gute Kumpel” weiter, mit denen sie an der Bar sitzen, oder gründen zusammen. Im nächsten Schritt werden dann oft Frauen gestafft, die operativ gut umsetzen, was Mann sich so ausdenkt.

Ich bemerke außerdem immer wieder, dass Frauen zu großen Respekt und Scheu vor Führungsrollen haben. Gerade die jüngeren, und leider auch oft die, die darin vermutlich sehr gut wären.

Meine Meinung ist: Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder. Frauen, traut euch – auch ihr seid hervorragende Führungskräfte! Da immer noch weitaus mehr Männer in den Chefetagen sitzen, können Frauen sich schwieriger mit der Position einer Geschäftsführung identifizieren. Weibliche Vorbilder sind extrem wichtig. Durch sie bringen auch weitere Frauen den Mut auf, an sich selbst zu glauben und eine Position oder Rolle anzustreben, die im gesamtgesellschaftlichen Bild noch weit entfernt scheint.

Es gibt auch gefühlt wesentlich mehr Musiker als Musikerinnen. Warum?

Nicht nur gefühlt – es gibt tatsächlich weniger Musikerinnen, als Musiker. Das hat vor allem historische Gründe: Männer untereinander haben schon immer mehr zusammengearbeitet und sich gegenseitig supportet, als Frauen. Bis in die 2000er waren Bands mehrheitlich männlich und nur selten durchmischt. Frauen haben sich damals eher im Klassik-Sektor ausgebildet. Proberäume und Studios werden zudem meist von Männern betreut. Auch wurden oder werden Männer oft eher zu Technikaffinität erzogen – da liegt vieles an den Eltern. Es gibt darüber hinaus auch kaum weibliche Produzentinnen, nur 2,6 Prozent der Musikproduzent*innen sind weiblich, das belegt auch die Studie der USC Annenberg Initiative für Inklusion aus dem Jahr 2020. In der Kategorie der Grammy-Awards „Producer of the Year, Non-Classical“ wird sogar bewusst auf das Gendern verzichtet, denn: in 46 Jahren hat noch nie eine Frau diese Auszeichnung gewinnen können.

Man merkt also: Künstler bekommen viel mehr Präsenz als Künstlerinnen, sei es auf den Bühnen, im Fernsehen oder im Radio. Das hat, wie oben beschrieben, viele potentielle Gründe, so kann beispielsweise eine Schwangerschaft auch schnell das Ende einer Karriere bzw echte und nachhaltige Nachteile bedeuten, sofern die Strukturen nicht stimmen. Das muss sich ändern. Frauen brauchen ein größeres Selbstbewusstsein, denn an Talent mangelt es nicht. Neben den großen Namen, gibt es auch kleinere Künstlerinnen, die es Wert sind, gehört zu werden.

Was fehlt Frauen, um in der Musikindustrie erfolgreicher zu sein?

In einer von Männern dominierten Branche muss man sich als Frau tagtäglich beweisen, weil nicht davon ausgegangen wird, dass man sich im Business, mit Instrumenten, auf der Bühne oder im Proberaum auskennt. Auch wenn es zwar Genre-Entwicklungen zum Pop und hin zu mehr weiblichen Stimmen gab, ist dieses Problem strukturell und systematisch gewachsen und die ungleiche Behandlung geschieht meist unterbewusst. Frauen müssen unbedingt an die Instrumente und in die Produktion. Sie müssen lernen, sich mehr als Künstlerinnen zu definieren, nicht nur als Interpretinnen. Es braucht weiterhin Aufklärung und Initiativen, wie jene von Keychange und dem Reeperbahnfestival, die es sich zur Mission gemacht haben, ein Gender-Gap-Gleichgewicht auf den Festivalbühnen bis 2022 herzustellen.

Und ein Appell an die Männer: Treibt die Frauenquote in der Musikbranche nach oben! Entscheidende Schnittstellen sind nach wie vor größtenteils von Männern besetzt, die (auch oft unbewusst) eine altmodische Denk- und Handlungsweise an den Tag legen. Ich habe das Privileg, eine der wenigen Frauen in der Führungsebene zu sein, weil Jorin, der Gründer von recordJet, bewusst Frauen in der Musikindustrie fördert. Gegenseitige Unterstützung und Frauen-Empowerment seitens der Frauen und Männer sind der Schlüssel zu Fairness und Gleichberechtigung.

Was mussten Sie leisten, um auf den Posten zu gelangen, den Sie seit 2019 inne haben, eine Stelle in der Geschäftsführung bei recordJet?

Plump gesagt: Kontakte, Skills und ein langer Atem. Jorin und ich haben seit 2004 immer wieder in unterschiedlichen Projekten und Kontexten zusammengearbeitet, auch jenseits der Musikbranche.

Am Anfang habe ich als Frau in der Operative begonnen: Ich begleite bereits seit der Gründung im Jahr 2008 den Aufbau und die Entwicklung von recordJet. Zu Beginn war ich als freie Beraterin in fast allen Unternehmensbereichen beteiligt. Seit 2012 verantworte ich vorrangig das Marketing des Unternehmens und den Auf- und Ausbau des internationalen Werbeauftritts von recordJet, bis 2017 auch den technischen Support.

Direkt nach meiner Elternzeit, bin ich nun seit 2019 in der Geschäftsführung und koordiniere (noch) die Marketing Crew. Dass ich in die Geschäftsführung kam, liegt unter anderem am gegenseitigen Vertrauen zwischen Jorin und mir. Er würde sein Lebenswerk nicht jedem anvertrauen. Mit Sicherheit spielen auch meine Führungsqualitäten und Kenntnisse ein große Rolle, ich muss allerdings auch zugeben, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Genauso wie viele “hohe Tiere” der Industrie oft nicht in ihrer Position wären, wenn sie nicht die richtigen Leute gekannt hätten.

Was läuft schief in der Musikbranche, dass die Verteilung von männlichen und weiblichen Beschäftigten so schlecht ist?

Wie bereits erwähnt, habe ich am eigenen Leib erfahren, dass vor allem Männer einen großen Teil zur Veränderung beitragen können. Da sie statistisch im Top-Management überwiegen, liegt es vor allem an ihnen, ein Umfeld zu schaffen, in dem immer mehr weibliche Führungskräfte etabliert werden und mehr Musiker*innen Gehör bekommen.

Im Management bei recordJet ist es bei uns genau andersrum: Auf dieser Ebene haben wir einen Frauenüberschuss und wir arbeiten sogar aktiv daran, auch Männer einzustellen um eine gute Balance zu wahren. Gerade Männer sehen sich oft zu Höherem berufen und wollen zügig auf eine höhere Stufe.

Wie steht es um gleiche Bezahlung?

Am 10. März 2021 war der “Equal Pay Day”. Das Frauennetzwerk „Business and Professional” berechnete, um wie viel weniger Frauen im Vergleich zu Männern generell verdienen. Das Datum des 10. März markiert durch die 69 Tage, die seit dem 1. Januar vergangen sind, symbolisch den Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen. Die Abweichung liegt laut BPW bei 19 Prozent. In Tage umgerechnet, ergibt dies 69 Tage, die Frauen umsonst arbeiten. Ja, richtig gehört: 69 (!) Tage.

Auch bei großen Musikfirmen macht sich der Gender-Pay-Gap bemerkbar: Frauen bekommen noch immer bis zu 30 Prozent weniger Gehalt als Männer (Keychange 2018). Es liegt also ohne Zweifel eine direkte Diskriminierung vor. Die Gründe dafür sind vermutlich vielfältig. Es gibt Führungskräfte, die bewusst oder unbewusst Männer bevorzugen. Zudem kann ich mir gut vorstellen, dass sich Männer auch öfter trauen, eine Lohnerhöhung einzufordern.

Bei recordJet haben wir einen Stufenplan entwickelt, an dem sich die Gehaltsentwicklung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter orientiert. Geschlecht ist kein Faktor, der da eine Rolle spielt. Genauso wenig wie Verhandlungsgeschick, aggressive Verhandlungstaktiken oder Tagesverfassung der Chefetage.

Wir berücksichtigen positionsrelevante Vorerfahrung, absolvierte Berufsjahre, aber auch Faktoren wie Kinder (die natürlich Geld kosten) und Fachkenntnisse. Dafür gibt es bei uns Zuschläge. Wir haben dieses Modell entwickelt und sind stets bemüht es auszubauen, um aggressive Gehaltsverhandlungen und langwierige Diskussionen in der Vergangenheit zu lassen und auch in Zukunft zu vermeiden und mehr Objektivität, Fairness, Nachvollziehbarkeit und Vergleichbarkeit in unsere Gehaltsstruktur zu bringen.

In der Musikbranche scheint diese Art der Gehalts”verhandlung” nach wie vor üblich zu sein, denn viele unserer Angestellten sind erstmals überrascht, wenn wir unser Gehaltsmodell vorstellen – bei den meisten kommt es jedoch positiv an.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, um hier einen Wandel herbeizuführen?

Unternehmen müssen sich aktiv mit Gleichberechtigung auseinandersetzen. Eine Company braucht heutzutage eine Gleichberechtigungsstruktur, eine Agenda und konkrete Konzepte, die Frauen in den Berufen fördern. Je mehr Austausch um das Thema stattfindet und je mehr Aufklärung geleistet wird, desto präsenter wird das Thema. Schulungen, Mentoring Sessions oder Seminare helfen ebenfalls das Thema greifbarer zu machen und zu sensibilisieren.

Vielen Dank!

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