Unternehmerinnenwissen

Eileen Liebig von clap: Arbeit abgeben statt anhäufen

Wie Führen ohne Dauerpräsenz funktioniert

Aus der Redaktion

Unternehmertum wird oft mit Tempo, Wachstum und ständiger Präsenz gleichgesetzt. Für Eileen Liebig ist es vor allem eines: Freiheit. „Die Freiheit, Dinge zu gestalten, Richtungen neu zu denken und nicht für immer an Entscheidungen gebunden zu sein.“ Als Gründerin, vierfache Mutter und Unternehmerin hinter clap spricht sie aus einem Alltag zwischen Verantwortung, Rollenbildern und bewussten Entscheidungen. Im Gespräch geht es um Führung auf Augenhöhe und um die Frage, wie sich Unternehmertum mit Familie und persönlicher Entwicklung verbinden lässt.

Liebe Eileen, du bist eine erfahrene Gründerin. Was fällt dir am Unternehmerinnen-Dasein bis heute am schwersten und was macht dir am meisten Freude?

Am Unternehmerinnen-Dasein bereitet mir bis heute vor allem die Freiheit große Freude.

Die Freiheit, Dinge zu gestalten, Richtungen neu zu denken und nicht für immer an Entscheidungen gebunden zu sein. Es ist für mich ein großes Privileg, mein eigenes Leben aktiv zu gestalten und mich stetig weiterzuentwickeln. Ich glaube fest daran, dass kein Zustand für immer gesetzt ist. Veränderungen durch Umfeld, Interessen oder Lebensphasen gehören für mich selbstverständlich dazu.

Das zeigt sich im Kleinen, etwa darin, mir bewusst Raum für Sport oder einen Kosmetiktermin zu nehmen, weil mein Alltag gut organisiert ist. Diese Freiheit, Prioritäten immer wieder neu zu setzen, spiegelt sich auch im beruflichen Kontext wider. Ein wichtiger Meilenstein war für mich der Aufbau eines Unternehmens, das nicht auf meiner permanenten Anwesenheit basiert.

Gleichzeitig fordert mich das Unternehmertum heraus, besonders durch klassische Rollenbilder in Führungspositionen. Ich sehe mich nicht als typische Führungskraft und arbeite am liebsten auf Augenhöhe. Als Gründerin bin ich dennoch oft gezwungen, viele Rollen gleichzeitig einzunehmen. Dieses Spannungsfeld zwischen Verantwortung und dem Wunsch nach Gleichwertigkeit ist bis heute eine meiner größten Herausforderungen.

Gab es Momente, in denen du daran gedacht hast aufzugeben? Was hat dich motiviert, dennoch dranzubleiben?

Ja, diese Momente gab es, vor allem in Phasen, in denen es mir gesundheitlich nicht gut ging.

Wenn sich Aufgaben endlos aneinandergereiht haben, fühlte sich alles deutlich schwerer an. In solchen Momenten kam die Frage nach dem Weitermachen ganz automatisch auf. Aufgeben bedeutete für mich dabei selten, komplett aufzuhören. Vielmehr ging es darum, Dinge zu verändern oder neu zu strukturieren, also Arbeit abgeben. Besonders herausfordernd waren Zeiten mit hoher Arbeitsbelastung und großen privaten Veränderungen. Schwangerschaft, wirtschaftlicher Druck und neue Rahmenbedingungen verlangten viel Anpassung.

Bei Herausforderungen denke ich deshalb eher an Umstrukturierungen als ans Aufgeben. Steigende Einkaufspreise und der Wechsel vom Büro zu Homeoffice waren klare Einschnitte. Diese erforderte Flexibilität und eine persönliche wie unternehmerische Neubewertung.

Motiviert hat mich vor allem meine intrinsische Freude am Gestalten und Weiterentwickeln. Rückblickend habe ich gerade in diesen Phasen am meisten über mich und Unternehmertum gelernt.

Welche persönlichen Eigenschaften oder Routinen helfen dir neben Arbeit abgeben, motiviert und fokussiert zu bleiben, gerade in anspruchsvollen Zeiten?

Gerade in anspruchsvollen Zeiten helfen mir vor allem Struktur und bewusstes Zeitmanagement, motiviert und fokussiert zu bleiben. Mein Arbeitstag beginnt im Grunde erst dann richtig, wenn meine Kinder in der Schule oder in der Kita sind. Diese zeitlichen Rahmenbedingungen geben mir Klarheit: Ich weiß genau, wie viel Zeit mir zur Verfügung steht und nutze sie entsprechend effizient.

Wenn Zeit begrenzt ist, wird Fokus umso wichtiger. Ich plane meine Aufgaben sehr bewusst, koordiniere unterschiedliche Rollen und priorisiere klar. Zu viel verfügbare Zeit führt bei mir eher zu Ablenkung als zu Produktivität. Insbesondere durch Handy- und Social-Media-Nutzung. Deshalb arbeite ich am besten mit festen Zeitfenstern und klaren To-dos.

Ein weiterer wichtiger Anker ist für mich die bewusste Trennung von Arbeit und Familienzeit. Die Zeit mit meiner Familie gibt mir Energie, erdet mich und sorgt dafür, dass Arbeit nicht alles überlagert. Diese Balance hilft mir, auch in fordernden Phasen den Blick für das Wesentliche zu behalten und langfristig motiviert zu bleiben.

Eileen Liebig von clap: Arbeit abgeben statt anhäufen Du bist Mutter von vier Kindern. Wie organisierst du deinen Alltag zwischen Familie und Selbstständigkeit und was hilft dir, Prioritäten zu setzen?

Mein Alltag lebt von bewusster Struktur und klaren Prioritäten. In unserer Patchworkfamilie mit vier Kindern – zwei davon Bonuskinder – ist Flexibilität genauso wichtig wie Planung. Zwischen Familie und Selbstständigkeit geht es für mich weniger um Perfektion als um gute Organisation und ehrliche Entscheidungen.

Was mir hilft, ist ein klarer Tagesrhythmus. Ich starte mit einer kurzen Me-Time, etwa Yoga, Meditation oder fokussierter Arbeit, bevor der Familienalltag beginnt. Feste Rituale, wie das gemeinsame Frühstück, geben uns Halt und schaffen Verlässlichkeit genauso wie meine beruflichen Routinen.

Prioritäten zu setzen, bedeutet für mich, bewusst Raum zu schaffen: für meine Kinder, für mein Business und für meine Partnerschaft. Nicht alles gleichzeitig, aber alles mit Klarheit. Genau so gelingt es mir, Familie und Selbstständigkeit/ Unternehmertum miteinander zu verbinden.

Welche drei konkreten Tipps würdest du Frauen geben, die überlegen zu gründen oder gerade am Anfang stehen? Welche ersten Schritte sind aus deiner Sicht entscheidend?

Holt euch früh Begleitung und macht es euch nicht unnötig schwer. Gerade am Anfang hilft gezielte Unterstützung durch Mentoring oder strukturierte Begleitung. Aus dieser Erfahrung heraus plane ich für das kommende Jahr eine eigene Academy als „Gründungsfreundin“.

Die erste Phase ist oft geprägt von Unsicherheit und Informationsflut. Hier hilft das Pareto-Prinzip: Nicht alles muss perfekt sein, um zu starten. Sich bewusst vom Perfektionismus zu verabschieden, ist ein wichtiger erster Schritt. Sprecht über euren Traum, auch (oder gerade) mit kritischen Menschen. Kritisches Feedback hilft, die eigene Vision zu schärfen. Wenn euch Gegenwind nicht aus der Bahn wirft, stärkt das eure Resilienz.

Gründen bedeutet, Unsicherheiten auszuhalten und trotzdem Entscheidungen zu treffen. Der wichtigste Schritt ist oft, ins Tun zu kommen. Kleine Schritte schaffen Vertrauen, Klarheit und langfristige Stabilität.

Was ist deine Vision für die nächsten Jahre – persönlich wie unternehmerisch? Wohin möchtest du weiterwachsen?

Meine Vision für die nächsten Jahre ist es, mich persönlich wie unternehmerisch mit mehr Klarheit, Fokus und Leichtigkeit weiterzuentwickeln. Ich möchte mich schrittweise aus dem operativen Tagesgeschäft zurückziehen. Stattdessen will ich stärker in eine strategische Rolle als Unternehmerin, Sparringspartnerin und Beraterin wachsen. Ortsunabhängiges Arbeiten spielt dabei eine zentrale Rolle.

Gleichzeitig wünsche ich mir einen bewusst reduzierten Arbeitsrhythmus. Ein konkretes Ziel ist ein fester Pausentag pro Woche für Zeit mit meinem Kind. Ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, etwas kompensieren zu müssen.

Unternehmerisch soll clap weiter wachsen und noch mehr Unternehmen erreichen. Das starke Wachstum zeigt mir, wie relevant echte Wertschätzung in Unternehmen ist. Meine Vision ist es, diese Haltung dauerhaft in Unternehmenskulturen zu verankern. Wertschätzung soll als strategischer Erfolgsfaktor verstanden werden.

Zusätzlich möchte ich Mut und Mindset stärker über Bühnen und Events nach außen tragen.

Familie und Selbstverwirklichung schließen sich für mich nicht aus, sondern gehören zusammen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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