TIEFE STATT TEMPO: 4 Impulse für Female Business
Ein Gespräch über Unternehmerinnen unter Druck und wie innere Führung zu besseren Entscheidungen und tragfähigem Erfolg führt. SHE works! sprach mit Sabine Weiskopf, Bewusstseinslehrerin und Unternehmerin.
Frau Weiskopf, viele Unternehmerinnen berichten aktuell von wirtschaftlichem Druck und dem Anspruch, ständig sichtbar sein zu müssen. Wie erleben Sie diese Situation?
Ich sehe eine Überlastung auf zwei Ebenen. Außen brechen Aufträge und Kunden weg, Budgets werden kleiner. Innen wächst der Druck, trotzdem, oft sogar jetzt erst recht, sichtbar zu bleiben.
Sichtbarkeit ist für viele Frauen heute kein Marketingtool mehr, sondern eine Art Überlebensmodus. Es wird erwartet, dass sie auf Social Media ständig präsent und verfügbar sind. Die Anstrengung zeigt sich oft erst, wenn der Körper Alarm schlägt.
Sie beschreiben das Social-Media-Geschehen oft als „Zirkus“. Was meinen Sie damit?
Wenn ich in Instagram reinschaue, sehe ich Frauen, die Kunststückchen aufführen müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es wird immer noch schneller, noch lauter, noch gekünstelter. Die Elefanten sind noch nicht raus aus der Manege, da kommt schon der Clown.
Alles am besten bewegt und ab der ersten Sekunde attraktiv. Ich hab kürzlich ein Reel gesehen: Unternehmerin, die Business Coaching anbietet. Sie steht in ihrer Küche, rührt im Kochtopf im schicken Hosenanzug, lächelt in die Kamera, die Untertitel erzählen davon, wie ein Launch gut läuft. Der Gipfel aber sind die Reels einer Dame, die Female Business lehrt, das Weiche, das Zyklische. Sie schneidet ihre Reels absichtlich so temporeich – und das ist auch, was sie ihren Kundinnen empfiehlt – dass man sie beim ersten Anschauen gar nicht erfassen kann und noch mal klicken muss. Weil das gut ist für die Reichweite.
Da läuft im Hintergrund der Anspruch, jederzeit perfekt auszusehen, sofort zu liefern und die Beste zu sein. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Show verschwimmt immer mehr. Es bleibt kein Moment Atem. Und das ist mir wichtig: Kein Atem trotz der Automatisierungen und Planungstools, die verwendet werden und Entspannung bringen sollen. Dahinter wohnt eine Energie von Hektik und Müssen.
Und was macht das mit Unternehmerinnen?
Es entsteht Desorientierung. Die Frauen verlieren das Gefühl dafür, was wirklich ihnen entspricht und was sie nur tun, weil der Algorithmus oder die Branche es verlangt. Viele agieren aus einer inneren Enge heraus. Je größer die Unsicherheit wird, desto mehr erhöhen sie ihren Output – mehr posten, mehr erklären, mehr liefern. Aber genau dieser Mechanismus nimmt ihnen die innere Stabilität, die sie eigentlich bräuchten, um gute Entscheidungen zu treffen.
Sie sagen, dass hinter all dem oft nicht die finanzielle Existenzangst steht, sondern etwas Tieferes. Was meinen Sie?
Finanzielle Engpässe sind real, keine Frage. Aber bei vielen Frauen sitzt die Angst tiefer. Es geht um Bedeutung, um Gesehenwerden, um Zugehörigkeit. Die Vorstellung, dass ein Business zusammenbrechen könnte, wird oft gleichgesetzt mit der Idee, das eigene Leben habe keinen Wert mehr. Das ist eine Verkettung von: Wenn das eine zerbricht, dann war alles sinnlos. Diese Gleichsetzung ist fatal und entsteht aus sehr alten, tief sitzenden Prägungen.
Meistens spielt dann noch Scham eine Rolle, oft unbewusst. Damit wird es für viele fast unerträglich, weil sie das Gefühl haben zu versagen, sich zugleich aber nicht in der Lage sehen, Unterstützung zu suchen oder überhaupt Hilfe zuzulassen.
Viele reagieren dann mit noch mehr Aktivität. Mehr Content, mehr Sichtbarkeit. Warum funktioniert das nicht?
Weil Aktionismus keine Stabilität erzeugt. Weil mehr von dem, was nicht mehr funktioniert, den Kahn nicht umlenken wird. Viele erhöhen ihren Output, obwohl die innere Lage völlig instabil ist. Das Ergebnis ist Erschöpfung, nicht Wirksamkeit. Wir müssen aufhören, Erschöpfung mit Engagement zu verwechseln.
Was ist der erste Schritt heraus aus diesem Kreislauf?
Das Erste, das Wichtigste insgesamt ist der Körper. Das ist der eine Kompass, der uns immer zur Verfügung steht und der nie lügt. Der erste Schritt, egal, wie es grad aussieht: Kontakt herzustellen mit dem Körper. Seine Signale wirklich ernst zu nehmen. Herzrasen, das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, ein steifer Nacken, das sind Hinweise meines Nervensystems, dass ich in die falsche Richtung laufe.
Ich unterbreche jede Tätigkeit, sobald ich spüre: Jetzt kommt die Angst. Das heißt: Nicht posten, nicht optimieren, nicht liefern. Nicht rennen. Ruhe. Erst wenn sich mein Körper entspannt und ich Klarheit spüre, treffe ich Entscheidungen.
Viele Frauen leiden unter dem Gefühl, ständig sichtbar sein zu müssen. Haben Sie einen Ansatz, um diesen Druck zu reduzieren?
Ich habe für mich extrem klare Grenzen gezogen und auch vollkommen transparent nach außen kommuniziert. Handy zum Beispiel: Social-Media-Apps sind bei mir nicht auf dem Startbildschirm, sondern ganz nach hinten geschoben, zum Teil sogar gelöscht. Benachrichtigungen und Töne sind deaktiviert. Ich habe einen Fokus Modus zwischen 10 und 17 Uhr, da kommt das Team durch. Im Fokus Modus ab 17 Uhr und am Wochenende kommt nur Familie durch. Wenn ich schreibe, liegt mein Handy nicht im selben Raum.
Ich arbeite mit festen Zeitfenstern, die ich auch wirklich einhalte. Ich habe gelernt zu delegieren, mein Team übernimmt die Veröffentlichung meiner Beiträge. Ich habe wenige Kanäle definiert, in denen ich persönlich agiere. Dadurch bleibe ich ansprechbar, aber nicht ständig und überall verfügbar. Ich bin nicht mehr in einem reflexhaften „Ich muss noch schnell etwas posten“, sondern treffe bewusst die Entscheidung, wann und wie ich sichtbar bin.
In Ihrem Ansatz spielt analoge Begegnung eine große Rolle. Warum ist das gerade jetzt wichtig?
Weil digitale Reize das Nervensystem permanent überfluten. Wir brauchen wieder mehr echte Begegnungen, die uns nähren und verbinden. Wir müssen uns leibhaftig auf Planet Erde bewegen und einander berühren können. Das ist besonders für Frauen elementar, weil wir energetisch der Erde nah sind und dort sehr leicht in Verbindung kommen mit der Weisheit unseres Körpers.
Ein großer Teil meines Erfolgs der vergangenen Jahre nährt sich daraus. Es gibt Orte, die regelrecht danach rufen, sich dort aufzuhalten und Kraft zu schöpfen. Die mit kollektiver Bedeutung nenne ich Erdenportale, wie zum Beispiel den Keltenwald vor meiner Haustür.
Dort empfange ich auch Kundinnen in einem simplen, aber kraftvollen Setting: ein Küchentisch, ein Kachelofen, ein Gang durch den Wald. Aber in dieser Einfachheit liegt eine Kraft, die stabilisiert und klärt. Hier fällt der ganze digitale Lärm ab. Frauen können dort spüren, was in ihnen wahr ist, was sie loslassen müssen und was sie als Nächstes wirklich wollen. Das, was ihnen im Blut liegt.
Was können Unternehmerinnen tun, die aktuell wirklich Angst haben – um ihre Existenz, ihre Wirkung, ihr Durchhalten?
Der entscheidende Punkt ist, dass du dir ehrlich eingestehst: Ich habe Angst. Du musst nichts überdecken, nichts vortäuschen, nicht schönreden. Es geht darum, bei dir zu bleiben, MIT der Angst, dein System wieder zu stabilisieren, MIT der Angst, und dann den nächsten kleinen Schritt zu gehen. Das ist kein Rückzug, sondern eine Form von bewusster Führung und innerer Ausrichtung.
Für mich ist meine Vision elementar. Ich weiß, wohin alles führt, was ich tue. Wer eine klare Vision hat, hält in Ängsten, Engpässen und Plot Twists viel leichter durch.
Sie sprechen oft von „weniger Leistung, mehr Bewusstsein“. Wie sieht das im Businessalltag aus?
Das heißt nicht, weniger zu arbeiten. Es bedeutet, aus einem anderen inneren Zustand Entscheidungen zu treffen. Eine Frau, die klar ausgerichtet ist, muss weniger leisten, um dieselbe Wirkung zu erzeugen. Das ist der Unterschied: Nicht der Output ist der Maßstab, sondern der Zustand, aus dem heraus er entsteht.
Das bedeutet auch: Ich muss nicht warten, bis ich Ziele erreiche, um Erfolg zu fühlen. Vision gepaart mit Bewusstsein ist Erfüllung in jedem Schritt auf dem Weg.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft weiblicher Selbstständigkeit und für selbstständige Frauen?
Dass Frauen ihre Unternehmen nicht mehr gegen sich selbst führen und dass sie wieder Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung entwickeln. Jenseits von allem, was die Branche fordert. Dass Erfolg nicht mehr nur über Leistung definiert wird, sondern über Präsenz, Klarheit und die Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben – gerade dann, wenn es eng wird.
Zum Schluss: Was bedeutet Stabilität für Sie persönlich?
Stabilität ist für mich kein Zustand, der einmal hergestellt wird. Sie entsteht jeden Tag neu. Sie entsteht, wenn ich weiß, wofür ich gehe. Wenn ich meinen Weg kenne, auch wenn sich die äußeren Bedingungen verändern. Und sie entsteht, wenn ich bereit bin, den Mut aufzubringen, mich selbst zu spüren, auch – und ganz besonders – dann, wenn es unbequem ist.
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