Unternehmerinnenwissen

Sarah Sorge: Über den Weg von der Politik zum Coaching

„Mich motiviert, wenn Frauen im Coaching einen richtigen Aha-Moment haben“

Sarah Sorge kennt beide Seiten: die politischen Machtstrukturen und den Weg zu mehr Selbstwirksamkeit. Als ehemalige Grünen-Politikerin und heutige Coachin unterstützt sie Frauen in Politik, Verwaltung und Non-Profit-Organisationen dabei, ihren eigenen Führungsstil zu finden – jenseits patriarchaler Muster. SHE works! hat mit ihr über ihren Weg, weibliche Führung und die Kunst gesprochen, in schwierigen Strukturen stark zu bleiben.

Frau Sorge, Sie haben viele Jahre Politik gemacht – wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Diese Zeit war für mich wie ein intensives Leadership-Programm unter Realbedingungen. Bereits mit 29 hatte ich Führungsverantwortung, die ich in all meinen Karriereschritten dann bewusst weiterentwickelt habe. Praktisch jeden Tag erlebte ich, was es bedeutet, in männerdominierten Strukturen zu führen und zu gestalten. Insbesondere als Dezernentin mit Verantwortung für 3000 Mitarbeitende lernte ich, wie Macht funktioniert und wie Hierarchien wirken. Diese Erfahrungen sind heute mein wertvollstes Kapital im Coaching – denn ich kenne die Herausforderungen meiner Klientinnen aus eigener Erfahrung.

Sarah Sorge ist Coachin, Trainerin und Beraterin mit Schwerpunkt Female Empowerment. Mit über 20 Jahren Führungserfahrung in Politik und Verwaltung unterstützt sie heute Frauen dabei, in männerdominierten Strukturen souverän zu agieren. Dabei arbeitet sie u.a. mit den Erkenntnissen über horizontale und vertikale Kommunikation.
Website: www.sorge-coaching.de / Foto: Anna Maria Langer

Was hat Sie dazu bewegt, aus der Politik auszusteigen und ins Coaching zu wechseln?

2016 wurde ich als Dezernentin abgewählt. Das war für mich ein Einschnitt, der mich darüber nachdenken ließ: Möchte ich weiter machen im Hamsterrad der Politik, oder gibt es neben der Politik noch etwas anderes für mich? Der Schritt ins Coaching war dann eine bewusste Entscheidung, meine Erfahrungen strategisch an Frauen weiterzugeben, die in Führungspositionen kommen oder darin wirksam bleiben wollen.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Ihnen klar wurde: Ich will Frauen auf ihrem Weg in Führung begleiten?

Ja. In meiner Zeit als Frauen-Dezernentin habe ich mich intensiv damit beschäftigt, dass Frauen nahezu an allen Stellen nicht an fehlender Kompetenz scheitern, sondern an ungeschriebenen Regeln, an Machtspielen oder schlicht daran, dass sie ihre eigenen Erfolge nicht sichtbar machen. Da wusste ich: Hier will ich ansetzen. Statt über zu wenige Frauen in Führung zu klagen, gebe ich Frauen das strategische Rüstzeug, um die unsichtbaren Spielregeln zu verstehen und souverän zu nutzen.

Sie bieten gezieltes Coaching für Frauen in Politik, Verwaltung und Non-Profits an. Warum gerade diese Zielgruppe?

Als ich Dezernentin wurde, habe ich selbst eine Coachin gesucht – und fand keine, die meine Arbeitswelt wirklich verstand. Politik, Verwaltung und Non-Profit-Bereiche haben völlig andere ‚Unternehmenskulturen‘ als die Wirtschaft. Klassische Business-Coaches dachten in Kategorien wie ‚Effizienz‘ und ‚Profit‘, aber wie navigiere ich als Bildungsdezernentin zwischen Stadtschulamt, Ortsbeirat und Elternvertretung? Wie führe ich in Strukturen, wo Entscheidungen oft jahrelang dauern? Diese Spezifika kenne ich aus erster Hand – vom Kulturbereich bis zum Gesundheitssektor. Genau diese Lücke schließe ich heute: Ich biete Coaching für Frauen, die in diesen besonderen Kontexten souverän führen wollen.

Welche Herausforderungen begegnen Frauen in diesen Bereichen besonders häufig?

Die Herausforderungen ähneln denen in der Wirtschaft, haben aber ihre eigenen Besonderheiten. Da sind die strukturellen Barrieren – männliche Netzwerke, Vereinbarkeitsprobleme, und im kommunalpolitischen Bereich kommt das Ehrenamt als zusätzlicher Zeitfresser dazu. Dazu kommen die inneren Hürden: Imposter-Syndrom, Harmoniebedürfnis, Zurückhaltung bei der Selbstvermarktung. Viele meiner Klientinnen fragen sich: Muss ich mich verbiegen, um mich durchzusetzen? Wann bin ich zu leise, wann zu laut? Wie nutzt man Macht, ohne als „Zicke“ zu gelten? An genau diesen Fragen arbeiten wir dann gemeinsam.

Was erleben Sie bei Ihren Klientinnen am häufigsten: Zweifel an sich selbst – oder Widerstände von außen?

Beides verstärkt sich leider gegenseitig. Externe Widerstände nähren innere Zweifel, und innere Unsicherheit lädt zu Widerständen ein. Deshalb arbeite ich immer zweigleisig: sowohl an der inneren Haltung als auch an konkreten Strategien. Gemeinsam erarbeiten wir, wie Macht funktioniert und wie sie diese authentisch einsetzen können.

Was macht für Sie eine gesunde, wirksame und authentische weibliche Führung aus?

Für mich steht im Mittelpunkt: Es geht nicht darum, männliche Führungsmodelle zu kopieren, sondern eigene Wege zu finden. In meiner kürzlich abgeschlossenen Weiterbildung bei Peter Modler habe ich gelernt – angelehnt an die Erkenntnisse der Soziolinguistin Deborah Tannen – zwischen horizontaler und vertikaler Kommunikation zu unterscheiden. Die Erkenntnisse über effektive Reaktionsmöglichkeiten auf vertikale Angriffe sind bahnbrechend. Ein weiteres wertvolles Tool aus dieser Weiterbildung: das Bild des Rollenmantels. Dieses beschreibt, dass du in Rollen hinein- und wieder herausgehen kannst – je nachdem, was für dich und deine Wirkungskraft gerade nötig ist. Das gibt gerade Frauen Klarheit und Handlungssicherheit.

Gibt es typische Muster, in denen Frauen ihre eigene Wirksamkeit unterschätzen – und wie arbeiten Sie dagegen an?

Ja – viele Frauen gehen davon aus, dass gute Arbeit automatisch gesehen wird. Oder sie warten, bis sie perfekt vorbereitet sind, bevor sie nach außen treten. Im Coaching arbeiten wir an dieser sogenannten Perfektionsfalle. Das ist übrigens auch eine, in die ich selbst gerne tappe, obwohl ich mich seit Jahren als Coachin und Trainerin damit beschäftige. Dann hilft mir einer meiner Coaching-Leitsätze: ‚Gräme dich nicht über das, was gestern war, sondern mach es einfach morgen besser. Oder übermorgen.‘

Welche Coaching-Ansätze oder Methoden nutzen Sie besonders gerne in Ihrer Arbeit?

Ich arbeite grundsätzlich sehr analytisch und strategisch – meine feministische und machtkritische Perspektive hilft dabei, Strukturen zu durchschauen. Das ergänze ich jedoch immer durch szenisches Arbeiten. Denn theoretisches Wissen allein reicht nicht, um wirklich in Veränderung zu kommen. Wir üben konkrete Situationen: Wie trete ich in Meetings auf? Wie kommuniziere ich Entscheidungen? Wie gehe ich mit Widerständen um? Und ganz wichtig finde ich auch Humor und ein bisschen Provokation. Über Lachen und Selbstironie bleiben neue Verhaltensweisen besser in Erinnerung – und alte Muster werden endlich aufgebrochen.

Wie wichtig sind Themen wie Resilienz, Selbstfürsorge oder Abgrenzung für Frauen in Führungsrollen? 

Extrem wichtig. Selbstfürsorge ist kein Wellness-Programm, sondern strategische Notwendigkeit. Wer ausgebrannt ist, kann nicht führen. Und wer stets die Aufgaben anderer übernimmt, hat keine Zeit für die eigenen Prioritäten. Die Debatte über Mental Load wird gerade auch in den beruflichen Kontext übertragen. Auch hier heißt es: Achte darauf, was du tust und warum du es tust. Abgrenzung bedeutet nicht Härte, sondern klare Prioritätensetzung. In meinen Trainings entwickeln Frauen Strategien, wie sie ihre Energie gezielt für ihre wichtigsten Ziele einsetzen.

Können Sie ein Beispiel für einen Aha-Moment aus Ihrer Arbeit teilen, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Sehr hängen geblieben ist mir, dass eine Vorständin gegenüber ihrem gleichgestellten Vorstandskollegen genauso unsicher dabei war, seine dominante und übergriffige Art zurückzuweisen, wie es auch bei meinen Trainings mit jungen Frauen der Fall ist. Es scheint also keine Frage von Alter oder Karrierestufe zu sein.

Auch eindrucksvoll war eine Teilnehmerin, die sagte, dass es ihr geradezu körperliche Schmerzen bereiten würde, anderen keinen Kaffee einzuschenken, wenn Kaffeekanne und Tassen auf dem Konferenztisch stehen. Das ist die sogenannte Servicefalle: Frauen übernehmen oft automatisch die fürsorglichen Aufgaben – sie verteilen Kaffeetassen, räumen die Spülmaschine ein, organisieren Geburtstagskuchen. Was harmlos aussieht, hat einen Haken. Wer immer die Kümmernde ist, wird nicht als strategische Führungskraft wahrgenommen, sondern rutscht in die Assistentinnen-Rolle ab.

Was raten Sie Frauen, die den Wunsch nach mehr Einfluss oder Verantwortung verspüren – aber noch zögern?

Super banal, aber wahr: Fast überall, auch auf allen Führungsebenen, wird nur mit Wasser gekocht. Die meisten Frauen verfügen über eine wahnsinnig hohe fachliche Kompetenz. Es gibt einen Spruch, der heißt ‚Frauen sammeln Zertifikate, Männer Beförderungen‘. Mein Rat ist daher: Arbeite ganz gezielt an deiner Beförderung, eigne dir Sichtbarkeitsstrategien an, netzwerke ganz gezielt und hole dir strategische Unterstützung.

Welche strukturellen Veränderungen braucht es, damit mehr Frauen langfristig und kraftvoll in Führung gehen können?

Wir brauchen strukturelle Veränderungen. Quoten sind absolut wichtig und das richtige Instrument, aber sie reichen nicht. Zusätzlich brauchen wir einen Kulturwandel, der Führung abseits des „Thomas-Prinzips“ als Bereicherung versteht, weibliche Vorbilder an der Spitze und männliche Vorbilder in der Care-Arbeit. Und wir müssen an die auch in Frauen selbst tief sitzenden Geschlechterstereotype ran. Ein Weg dorthin sind individuelles Coaching und Trainings. Diese Motivation für gesellschaftliche Veränderung ist ein Hauptantrieb für meine Arbeit.

Und ganz persönlich: Was motiviert Sie heute am meisten?

Mich motiviert am meisten, wenn Frauen in meinen Coachings oder in den Trainings richtige Aha-Momente haben und anfangen zu strahlen. Insbesondere freue ich mich über die jungen Frauen, die sogenannte und viel gescholtene Generation Z, die Gleichberechtigung so viel selbstbewusster und selbstverständlicher einfordert, als es noch in meiner Generation der Fall war. Es gibt verschiedene Studien dazu, wie lange wir bis zur echten Gleichberechtigung brauchen. Diese variieren zwischen 130 und 285 Jahren. Meine Hoffnung, wenn ich diese jungen Frauen sehe, ist, dass wir es viel schneller schaffen werden.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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