Von „New Work“ zu „Real Work“
Real Work, Community & ortsunabhängiges Unternehmertum – große Themen in der heutigen Arbeitswelt. SHE works sprach mit Autorin, Dozentin und Business-Creator Kira Marie Cremer über New work und Real Work.
Kira, Du sagst: „New Work ist auserzählt – jetzt geht es um Real Work.“ Was bedeutet das konkret für Gründerinnen, die gerade ihr Business aufbauen?
Kira Marie Cremer ist Autorin des Buchs „New Work – Wie arbeiten wir in Zukunft?“, Dozentin für „Future of Work & Organizational Psychology“ und Host des Podcasts „hotline hours“. In ihrem wöchentlichen Newsletter „What the Work?!“ beleuchtet sie Karriere-Tipps, Best Practices und Trends rund um New Work und sie setzt sich als Business Creator dafür ein, dass Unternehmen eine Arbeitswelt schaffen, in der Mitarbeitende nicht nur mitmachen – sondern mitgestalten. Kira ist von der New-Work-Enthusiastin zur Real-Work-Verfechterin geworden. Für sie ist klar: „Wir müssen unseren Blick auf unsere Arbeit und die Ansprüche an sie verändern. Unsere Arbeitskultur gestalten wir selbst und wir müssen sie besser, gesünder und fairer machen.“ Foto aufgenommenemomente https://www.instagram.com/kiramariecremer/ https://www.linkedin.com/in/kiramariecremer/
New Work ist weiterhin ein wichtiges und richtiges Konzept. Gleichzeitig wurde es irgendwann zum Buzzword-Bingo: Flexible Arbeitszeiten, Remote-Work, Homeoffice oder Purpose-Slides im Pitchdeck. Doch über die Theorie ging es selten hinaus und heute sitzen trotzdem Menschen abends mit Herzrasen am Laptop. Unsere Arbeitswelt muss sich zum Besseren verändern – das bleibt gleich! Hören wir also auf, nur über moderne Arbeit zu sprechen und fangen an, sie strukturell zu bauen. Das bedeutet Real Work für mich. Gerade Gründerinnen stehen oft unter diesem stillen Druck, alles beweisen zu müssen. Stark sein. Ambitioniert sein. Sichtbar sein. Real Work heißt: Du darfst ambitioniert sein. Aber dein Business darf dich nicht krank machen. Wenn ich heute gründe, denke ich nicht zuerst an Reichweite oder Skalierung, sondern stelle mir die Frage: Trägt dieses System auch noch, wenn es wächst? Oder frisst es mich irgendwann auf?
Woran merkt man, dass man zwar über moderne Arbeit spricht, aber sie nicht wirklich lebt?
Man merkt es an der Diskrepanz zwischen Kommunikation und Realität. Wenn „Flexibilität“ bedeutet, dass man immer erreichbar ist, „Selbstverwirklichung“ eigentlich nur Daueroptimierung ist oder mentale Gesundheit gepostet wird, aber niemand offen über Überlastung sprechen darf. Moderne Arbeit erkennt man nicht an Buzzwords. Sondern daran, wie Menschen sich fühlen, wenn sie ehrlich sind. Ich spreche seit Jahren offen über meine Depression und das schätzt meine Community ungemein. Die Zeit der “perfekten” Fassade ist vorbei! Wir brauchen mehr greifbare Geschichten, mit denen wir uns identifizieren können.
Was ist deiner Meinung nach die größte Illusion rund um „moderne Arbeitskultur“?
Die größte Illusion ist, dass wir strukturelle Probleme individualisieren. Wenn jemand erschöpft ist, sagen wir: “Du musst besser priorisieren”. Wenn jemand überfordert ist: “Du brauchst mehr Resilienz.” Und wenn jemand ausfällt, ist es plötzlich ein persönliches Defizit. Wir haben Systeme gebaut, die Dauerstress normalisieren und nennen das High Performance. Auch ich habe am eigenen Leib gemerkt, dass Arbeit krank machen kann und lege heute den Fokus auf Precovery anstatt Recovery. Mich zu “reparieren”, wenn ich erschöpft bin, ist keine langfristige Lösung und das gilt für uns alle. Darauf müssen wir im Vorhinein besser achten.
Wenn du heute ein Unternehmen neu gründen würdest: Welche drei Prinzipien von „Real Work“ würdest du von Tag eins an implementieren?
Ich würde von Anfang an Klarheit über Erwartungen, Verantwortung und Leistung schaffen. Nicht diese diffuse „Wir schauen mal“-Kultur, sondern Transparenz. In meinem Team lebe ich genau das seit Anfang an und dafür schätzen mich meine Mitarbeiterinnen. Gleichzeitig würde ich Performance anders denken: Es darf intensive Phasen geben (die dazu gehören), aber keine Dauerüberlastung. Darauf achte ich auch in meinem Team und stelle Gesundheit vor Leistung. Ein System, das nur funktioniert, wenn alle permanent am Limit laufen, ist kein gutes System.
Community als Business-Modell – Was „hotline hours“ anders macht
Mit „hotline hours“ habt ihr ein Community-Format geschaffen, das im Business-Podcast-Markt fast einzigartig ist. Warum war dir dieser partizipative Ansatz so wichtig?
Mit meinem Podcast New Work Now habe ich in den letzten Jahren mit der FUNKE Mediengruppe ein Format geschaffen, was viele zum Nachdenken angeregt hat. Es war gezielt an B2B gerichtet und erfolgreich. Doch ich habe nach all den Jahren gemerkt, dass sich kaum etwas verändert. Ich wusste, es braucht etwas, das auch die Menschen wie dich und mich anspricht. Nicht nur die CEOs namhafter Firmen. Ich wollte echte Fragen hören und nicht nur perfekt formulierte Karrierestories, sondern Zweifel, Unsicherheiten, Wut, Ehrgeiz. “hotline hours“ lebt davon, dass unsere Community (wir nennen sie liebevoll “Hotties”) die Folgen mitgestaltet. Es geht nicht um meine Meinung, sondern um den Dialog. Dabei liefern wir nicht immer Lösungen, sondern teilen auch offen und ehrlich unsere Struggles.
Viele Gründerinnen unterschätzen die Kraft von Community. Wie baut man eine Community auf, die wirklich mitgestaltet?
Mit Geduld, viel Zeit, Fokus auf die Inhalte, die begeistern und indem man Kontrolle abgibt. Community entsteht nicht durch Reichweite, sondern durch echte Interaktion. Wenn du sagst „Schreib mir“, dann musst du auch antworten. Wenn du Beteiligung willst, musst du sie ernst nehmen. Viele wollen „Community“, meinen aber “Publikum”. Das ist ein großer Unterschied.
Welche Themen bewegen junge, ambitionierte Frauen aktuell am meisten?
Ganz viel dreht sich um Selbstsicherheit. Um die Frage: Bin ich gut genug? Darf ich so viel wollen? Wie viel Stress ist normal? Wie finde ich Klarheit, wenn ich tausend Möglichkeiten habe? Ich merke, dass es weniger um klassische Karriereleitern geht. Es geht um Identität. Es geht um die Frage, wer ich sein möchte – nicht nur darum, was ich erreichen will.
Wie schafft man es, als Host nahbar zu sein – ohne die eigene Professionalität zu verlieren?
Während meiner Zeit als Host von New Work Now hatte ich immer die Frage im Hinterkopf, wie ich nach außen wohl wirke. Ich hatte einen starken Partner an meiner Seite, bekannte Persönlichkeiten zu Gast und eine Zielgruppe, die Entscheidungen in Unternehmen getroffen hat. Bei “hotline hours” hat sich der Fokus verlagert: Ich trete stärker als Persönlichkeit auf, habe mein eigenes Team und bin viel freier in der Gestaltung. Außerdem ist es mit meiner Freundin und Co-Host Selma einfach locker, ehrlich und immer wieder auch eine Bereicherung für mich. Wir sprechen offen über unsere mentale Gesundheit, zeigen Haltung und bleiben transparent – so entstehen Nähe und Vertrauen, ohne an Professionalität zu verlieren. Denn ich habe gelernt: Professionalität heißt nicht, unnahbar zu sein. Sie zeigt sich darin, klar zu kommunizieren, Verantwortung zu übernehmen und authentisch zu bleiben. Es geht um Haltung.
Führung, Verantwortung & Unternehmertum
Du forderst Haltung und Umsetzung statt reiner Vision. Was heißt das für Unternehmerinnen in ihrer Rolle als Führungskraft?
Eine Vision zu erarbeiten ist leicht. Doch die Umsetzung ist unbequem. Und das zeigt sich in den entsprechenden Entscheidungen. Wen stelle ich ein? Wie gehe ich mit Fehlern um? Spreche ich Probleme offen an oder weiche ich ihnen aus? Leadership ist nicht einfach ein Jobtitel, mit dem man sich schmücken kann. Führung bedeutet heute vor allem Verantwortung – und Verantwortung heißt auch, klare Grenzen zu setzen. Viele Gründerinnen wachsen schneller, als ihre Führungskompetenz mitwächst. Genau hier ist es entscheidend, den Fokus zu halten und sich nicht im Operativen zu verlieren.
Was sind die häufigsten Fehler beim Übergang von „Solo-Unternehmerin“ zur Team-Lead?
Ein häufigsten Fehler sind, alles selbst besser können zu wollen oder Harmonie über Klarheit zu stellen. Ich habe in meinem Team tolle Frauen, die in vielen Bereichen sehr viel besser sind als ich. Sehe ich das als Bedrohung? Ganz und gar nicht. Es ist meine Chance mich weiterzuentwickeln. Dabei durfte ich lernen, was es heißt, zu führen und Klarheit über Harmonie zu stellen. Gerade Frauen geraten schnell in diese Falle. Aber Führung bedeutet nicht, beliebt zu sein. Führung bedeutet, Orientierung zu geben.
Wie verändert sich Leadership in Zeiten von KI und Automatisierung?
Es war noch nie so leicht, an Fachwissen zu gelangen. Es wird immer zugänglicher und vermutlich in den nächsten Jahren noch mehr. Gleichzeitig werden Prozesse automatisiert und viele Tätigkeiten obsolet. Gerade deshalb verschiebt sich Leadership: weg von Wissensvorsprung, hin zu Orientierung, Kontext und Verantwortung. Wichtig ist, als Führungskraft klare Richtung und Sinn zu geben, Haltung und Empathie zu zeigen sowie Entscheidungsfähigkeit vorzuleben. Und eines ist dabei entscheidend: Die Zukunft gehört nicht den Lautesten, sondern den Klarsten.
Welche Kompetenzen werden in den nächsten fünf Jahren für Unternehmerinnen entscheidend sein?
In den nächsten fünf Jahren werden Unternehmerinnen weniger daran gemessen, wie viel sie wissen, sondern wie gut sie führen, filtern und entscheiden können. Entscheidend sind strategische Klarheit, Selbstführung, Kommunikationskraft, digitale Souveränität und die unterschätzteste Kompetenz: emotionale Intelligenz. Wer Menschen lesen kann, Vertrauen aufbaut und Kultur gestaltet, wird in einer automatisierten Welt immer gewinnen. Und ganz ehrlich: Dabei ist auch Frustrationstoleranz enorm wichtig. Die nächsten Jahre werden schnell, laut und unübersichtlich. Wer sich bei Gegenwind direkt selbst infrage stellt, verliert. Wer sich sortieren kann, bleibt handlungsfähig.
Wie kann man ambitioniert sein – ohne sich selbst dabei zu verlieren?
Das habe ich selbst über die Jahre lernen dürfen und es ist ein Prozess, der stetig andauert. Mir hat geholfen, Erfolg breiter zu definieren und individuell zu halten. Was bedeutet für mich persönlich Erfolg und was ist nur ein Echo gesellschaftlicher Erwartungen? Meine Learnings: Wenn dein Umsatz steigt, aber dein Energielevel sinkt, ist das kein Fortschritt. Wenn dein Business wächst, aber du innerlich schrumpfst, läuft etwas falsch. Ambition darf im Einklang mit Achtsamkeit stehen, denn sie ist nichts Negatives, solange ihr Hand in Hand geht.
Welche Strukturen oder Routinen helfen dir heute, mental gesund zu bleiben?
Ich arbeite mit klaren Zeitfenstern und Fokustagen. Montags und freitags biete ich keine Zeitslots für Termine an. Das hilft mir, Zeit für To-Dos zu finden, die zeitintensiv sind und bei denen ich nicht gestört werden möchte. Auch während meiner Weltreise arbeite ich gebündelt und weniger zwischendurch. Außerdem gehe ich regelmäßig zum Sport, auch jetzt, ganz egal in welchem Land ich aktuell bin, weil es meinen Kopf ordnet. Zusätzlich hilft es mir auch meine Gedanken aufzuschreiben. Gerade aktuell auf der Reise journale ich sehr viel, um alles zu verarbeiten. Etwas Neues, was ich in 2026 ausprobiere: Jeden Samstag bis 12:00 Uhr ohne Handy als bewusste Offline-Zeit. Ich habe einmal ignoriert, was Stress mit mir macht. Das passiert mir nicht nochmal.
Business auf Weltreise – Unternehmertum ohne festen Standort
Du bist seit Oktober 2025 auf Weltreise und führst dein Business ortsunabhängig weiter. Was war die größte Herausforderung in der Vorbereitung?
Ooohhhh, darüber könnte ich ein neues Buch schreiben. Ich habe unfassbar viel gelernt und bin sehr dankbar dafür. Was die größten Learnings waren: Ich musste akzeptieren, dass IMMER etwas dazwischen kommt – ein unerwartetes Erlebnis, schlechtes WLAN oder die Zeitverschiebung. Ich habe gelernt loszulassen, weil ich nicht mehr so wie bisher arbeiten kann und ehrlich gesagt, auch nicht möchte. Mit meinem Team funktioniert das unfassbar gut und ich kann die Kontrolle sehr gut abgeben. Wir haben vorher die Prozesse so gebaut, dass sie nicht nur funktionieren, wenn ich ständig eingreife, sondern auch für asynchrones Arbeiten optimal laufen.
Wie verändert sich dein Blick auf Arbeit, wenn du in anderen Kulturen und aus anderen Ländern arbeitest?
Massiv, denn ich habe viele einzigartige Einblicke bekommen. In meinem Newsletter “What The Work?!” berichte ich seit der Reise regelmäßig, wie die anderen Länder arbeiten und gebe am Ende immer mit auf den Weg, was wir uns davon abschauen können. In Lateinamerika zum Beispiel habe ich erlebt, wie sehr Beziehungen die Basis für Zusammenarbeit sind. In Australien, wie selbstverständlich Lebensqualität Teil von Arbeit ist. In Deutschland sehen wir meiner Meinung nach oft zuerst Effizienz und nicht Menschlichkeit. Außerdem relativiert Reisen vieles und lässt vieles weniger wichtig erscheinen. Es zeigt, dass unsere Art zu arbeiten nicht alternativlos ist.
Gab es einen Moment auf der Reise, der dein Verständnis von Erfolg verändert hat?
Ich bin mit meinem Mann den Coastal Walk in dem kleinen Surfer-Paradies Noosa in Australien entlanggelaufen. Dabei ist mir etwas nachhaltig in Erinnerung geblieben: Die Menschen lächeln bei der Arbeit, und ihre Freundlichkeit ist kein Verkaufstrick, sondern eine Haltung. Meine Freundin Melina, die sieben Jahre an der Gold Coast gelebt hat, berichtet in meinem Newsletter, dass der Fokus dort viel stärker auf dem Ergebnis als auf der abgesessenen Zeit liegt. Das fand ich inspirierend – und ich habe mich gefragt: Wieso schaffen wir das nicht? Für mich hat sich Erfolg während der Reise neu definiert. Er bedeutet nicht, maximal ausgelastet zu sein. Erfolg ist für mich, wirksam zu sein, trotzdem im Moment zu leben und mehr genießen zu können – nicht erst „irgendwann“, wenn alles geschafft ist. Ich lege meinen Fokus weniger auf Arbeit, sondern auf mein gesamtes Leben, das wirklich sehr erfüllt ist. Dafür bin ich sehr dankbar!
Welche Impulse aus anderen Ländern könnten unsere Arbeitskultur hierzulande bereichern?
Wenn ich auf die letzten Monate meiner Weltreise zurückblicke, merke ich vor allem eins: Unsere deutsche Arbeitskultur ist effizient, aber oft sehr eng geführt. Viel Kontrolle, viel Planung, viel Sicherheitsdenken. Das funktioniert, aber es kostet auch Energie. Was ich mir insgesamt wünschen würde: weniger Kontrolle, mehr Vertrauen. Weniger Daueranspannung, mehr bewusste Hoch- und Tiefphasen. Mehr Ehrlichkeit über mentale Gesundheit – ohne es sofort zu pathologisieren. Und vor allem: den Mut, Arbeit nicht nur effizient, sondern auch fair und gesund zu gestalten.
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