Unternehmerinnenwissen

Zwischen Job, Verantwortung und Daueranspruch

Warum viele Frauen funktionieren – und sich dabei
selbst verlieren

Von Alexandra Lehmann

Alexandra Lehmann ist Heilpraktikerin, Geburtstraumaexpertin und Mitgründerin von „Das Rote Zelt“. Seit über 25 Jahren begleitet sie gemeinsam mit Ulrike Remlein Frauen in Veränderungsprozessen. Dabei verbindet sie fundierte Erfahrung aus Medizin, Therapie und körperorientierter Arbeit mit einem tiefen Verständnis für die Lebensrealität moderner Frauen. Nach 20 Jahren Tätigkeit im Krankenhaus und in eigener Heilpraxis entwickelte sie einen Ansatz, der nicht auf reine Wissensvermittlung, sondern auf gelebte Erfahrung und Integration abzielt. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie über 30.000 Frauen in Workshops, Retreats und langfristigen Entwicklungsräumen begleitet. Foto privat

Der berufliche Alltag vieler Frauen ist geprägt von Verantwortung, Tempo und der Fähigkeit, mehrere Ebenen gleichzeitig im Blick zu behalten. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, Abstimmungen laufen parallel, Erwartungen kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Wer hier bestehen will, braucht Klarheit, Struktur und Präsenz.

Viele Frauen erfüllen genau das – und wirken nach außen souverän, belastbar und organisiert. Was dabei kaum sichtbar wird, ist die innere Seite dieses Zustands. Denn dieser Alltag besteht nicht nur aus Aufgaben und Terminen. Er erfordert eine dauerhafte mentale und emotionale Beteiligung. Mitdenken, vorausdenken, reagieren, ausgleichen. Nicht nur im Job, sondern oft auch darüber hinaus.

Über die Zeit entsteht daraus ein Zustand, der selten hinterfragt wird: ein kontinuierliches Funktionieren, das nicht mehr bewusst gewählt wird, sondern zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Dabei verschiebt sich etwas Entscheidendes.

Die eigene Wahrnehmung tritt in den Hintergrund. Pausen werden nicht mehr als notwendig empfunden, sondern als etwas, das man sich „leisten können muss“. Belastung wird nicht mehr als Signal verstanden, sondern als normaler Bestandteil von Leistung. Viele Frauen merken, wann es zu viel wird – und überschreiten diese Grenze dennoch immer wieder.

Erfolgreich im Alltag – innerlich auf Distanz: Was Frauen aus dem Kontakt zu sich selbst bringt

Genau aus diesem Erleben heraus habe ich gemeinsam mit Ulrike Remlein „Das Rote Zelt“ gegründet – einen Raum, der bewusst einen Gegenpol schafft zu einem Alltag, der von Funktionalität, Tempo und permanenten Anforderungen geprägt ist. Was dabei immer wieder sichtbar wird: Es fehlt nicht an Kompetenz oder Struktur. Viele der Frauen, die wir begleiten, sind klar in ihrem Handeln, übernehmen Verantwortung und treffen täglich Entscheidungen. Und trotzdem erreichen sie einen Punkt, an dem sie merken:

Organisation allein trägt nicht mehr. Es entsteht innerlich ein Abstand zu dem, was sie tun. Im „Roten Zelt“ fallen Rollen, Erwartungen und permanente Anforderungen weg. Der Fokus liegt auf Erfahrung und echter Auseinandersetzung. Über Körperarbeit, Stille und gezielte Prozesse entsteht Zugang zu dem, was im Alltag oft übergangen wird.

Viele Frauen erkennen in unseren Sitzungen erstmals, wie sehr sie sich an äußeren Anforderungen orientiert haben – und wie wenig Raum für die eigene Wahrnehmung geblieben ist.

Vom sicheren Beruf zur eigenen Vision: Warum ich diesen Schritt gegangen bin

In meiner Arbeit mit Frauen sehe ich immer wieder, wie herausfordernd es ist, berufliche Verantwortung, eigene Ansprüche und das Leben außerhalb des Jobs miteinander zu verbinden – besonders dann, wenn Frauen zusätzlich Familie tragen. Auch mein eigener Weg war lange von Sicherheit geprägt. Ich habe über 20 Jahre im Krankenhaus gearbeitet, Verantwortung übernommen und funktioniert. Und gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass die Fragen, die Frauen wirklich bewegen, dort keinen Raum hatten.

Ich habe mich entschieden, diesen sicheren Weg zu verlassen und meinen eigenen zu gehen – als dreifache Mutter, in einem Moment, in dem vieles dagegen sprach. Es war keine Entscheidung, die sich logisch erklären ließ, sondern eine, die sich über die Zeit nicht mehr aufschieben ließ. Ich wusste, dass ich Frauen anders begleiten möchte – näher an dem, was sie wirklich bewegt, und jenseits von dem, was innerhalb bestehender Strukturen möglich ist.

Heute weiß ich, dass dieser Schritt entscheidend war – weil er mir gezeigt hat, dass Veränderung nicht erst dann möglich ist, wenn alles sicher ist, sondern oft genau dann, wenn etwas nicht mehr stimmig ist.

Was ich Frauen in ähnlichen Situationen mitgeben möchte:

  • Nehmen Sie ernst, was Sie innerlich wahrnehmen.
  • Warten Sie nicht darauf, dass sich etwas von allein löst.
  • Hinterfragen Sie Erwartungen – auch die eigenen.
  • Suchen Sie sich Räume, in denen Sie ehrlich sein können.
  • Erlauben Sie sich, Entscheidungen zu treffen, die sich für Sie richtig anfühlen – auch wenn sie nicht planbar sind.

Innere Stabilität ist im Berufsalltag wirksamer als noch mehr Leistung

Erschöpfung gehört für viele Frauen längst zum Alltag – und wird oft still mitgetragen, als wäre sie ein notwendiger Teil von Verantwortung und Leistungsfähigkeit. Doch genau hier beginnt ein Umdenken, das entscheidend ist. Es geht nicht darum, weniger engagiert zu sein oder den eigenen Anspruch aufzugeben. Es geht darum, die eigene Energie nicht dauerhaft zu übergehen.

Wer beginnt, auf sich selbst zu hören, trifft Entscheidungen anders. Klarer. Bewusster. Tragfähiger. Das zeigt sich unmittelbar im Berufsalltag: in Gesprächen, in Prioritäten, im Umgang mit Druck und Erwartungen. Leistung entsteht dann nicht mehr aus permanenter Anspannung, sondern aus einer inneren Stabilität heraus, die langfristig trägt.

Viele Frauen erleben, dass genau dieser Schritt zunächst ungewohnt ist. Sich Zeit zu nehmen, innezuhalten oder sich Unterstützung zu holen, wird schnell als Schwäche missverstanden – obwohl es in Wirklichkeit ein Ausdruck von Verantwortung ist.

Verantwortung sich selbst gegenüber, aber auch gegenüber den Aufgaben, die man wirklich gut erfüllen möchte. Dabei ist es heute leichter denn je, darüber zu sprechen. Erschöpfung, Überforderung und emotionale Belastung sind keine Randthemen mehr, sondern Teil einer Realität, die viele teilen. Räume, in denen genau das ausgesprochen werden darf, schaffen Entlastung – und oft auch eine neue Klarheit.

Wer sich erlaubt, diese Klarheit wieder zu entwickeln, verliert nichts. Im Gegenteil: Die eigene Wirksamkeit wird spürbarer, Entscheidungen werden stimmiger, und das Gefühl, den eigenen Alltag wirklich tragen zu können, kehrt zurück. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke.

 

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