Gründerinnen im Porträt

Vorbild-Unternehmerin Claudia Rinke: Sich die Arbeitszeit selbst einteilen können, ein Luxus!

Claudia Rinke leitet ein Umzugsunternehmen. Ein Job in einer reinen Männerdomäne. Und auch wenn sie manchmal darüber nachdenkt, ob das alles gut ist, zurück in den alten Job in der Bank möchte sie auf keinen Fall. Dort wäre sie sicher auch nicht zur Vorbild-Unternehmerin ernannt worden.

Frau Rinke, Sie arbeiten in einer Branche, die eine reine Männerdomäne ist. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil, hier als Frau unterwegs zu sein?

„Beides. Ich versuche, jeweils die Vorzüge aus der Situation zu ziehen. Als ich vor knapp vier Jahren als Frau allein den Betrieb weiterführte, wurde ich sicher von manch‘ männlichem Kollegen unterschätzt. Während die noch abwartend schauten, wie und was ´die kleine Frau´ da so macht, habe ich mich in die Arbeit gestürzt und die Kollegen dann sogar an der einen oder anderen Stelle überholt. Es kann also durchaus ein Vorteil sein, unterschätzt zu werden. Wird man als Frau generell unterschätzt, ärgert mich das. Eine typische Situation ist zum Beispiel, wenn ein Kunde zu mir kommt und erst einmal nach dem Chef fragt. Dann lächele ich einfach und sage: „Steht vor Ihnen.“

Umziehen RainerSturm_pixelio.de

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Sie haben nach einigen Umwegen den Betrieb Ihres Großvaters übernommen. Haben Sie diesen Schritt jemals betreut?

„Die politisch korrekte Antwort wäre jetzt wohl: „Nein, alles ist perfekt.“ Aber ganz ehrlich: Ich bereue es manchmal, wenn ich nicht abschalten kann, weil mir zu den unmöglichsten Momenten Gedanken über die Firma in den Kopf schießen. Dann wünsche ich mir mein Angestelltenleben in der Bank zurück. Das ist Gott sei Dank nicht von Dauer, denn nur kurze Zeit später denke ich dann: „Auf keinen Fall! Ich kann machen, was ich will!“ Immer im Rahmen der Möglichkeiten und mit dem Blick auf das Geschäft gerichtet, aber es ist schon toll, wenn man selbstständig gestalten kann. Und ich genieße den Luxus, mir meine Arbeitszeit weitgehend selbst einteilen zu können.“

Sie wurden zur Vorbild-Unternehmerin gewählt. Was macht für Sie eine Vorbild-Unternehmerin aus?

„Tja, mit diesem Wort habe ich so meine Probleme: Vorbilder sollten immer makellos perfekt sein, oder? Bin ich nicht. Und der Großteil der anderen ausgezeichneten Frauen vermutlich auch nicht. Müssen wir aber auch nicht. Denn für mich geht es darum, die Begeisterung für den Beruf, die Selbstständigkeit, zu zeigen und klarzumachen, dass das Unternehmerinnendasein überhaupt eine Option ist. Wo kann ich mein Leben so frei gestalten? Wo bin ich so „Frau der Lage“? Denn wo sonst kann ich mit meinem Einsatz meinen Erfolg so direkt bestimmen – wenn nicht als Unternehmerin? Darum geht es beim Vorbild sein: zeigen, was möglich ist – und dabei die Nachteile offen benennen.“

Haben Sie den Eindruck, dass Frauen einen Betrieb anders führen als Männer? Und wenn ja, wie?

„Definitiv. Ich gehe mal von mir aus: Als gelernte Bankerin habe ich Entscheidungen oft nach Zahlen und Fakten getroffen, aber da nicht immer alles Material vorliegt, muss man manchmal auch auf Risiko gehen. Und dann ist der Bauch gefragt. Ich habe gelernt, auf meinen Bauch zu hören. Und bin mir sicher, dass Frauen, was das betrifft, besser und mehr bei sich sind, als Männer. Deren Entscheidungen sind häufiger davon geprägt, nach außen zu glänzen. Eine Frau trifft auch mal die weniger aufsehenerregende Entscheidung, weniger risikobehaftet, aber auf lange Sicht vielleicht die klügere. Nicht falsch verstehen: Ich sage nicht, dass Frauen per se die besseren

Schloms Logo

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Unternehmer sind. Aber dass mehr Weiblichkeit der Wirtschaft guttun würde, steht für mich außer Zweifel. Als die Berichterstattung zu FIFA, DFB und VW mit den Bildern von ausschließlich männlichen Verantwortlichen über den Bildschirm gingen, wurde das für mich sehr offensichtlich. Dass die „Herrschaften“ so agieren konnten, wäre mit Sicherheit nicht möglich gewesen, wären wir auch nur annähernd zur Hälfte vertreten gewesen, oder?“

Sie wurden von der Stadt Hannover mit dem Preis „Frauen in Männerbereichen“ ausgezeichnet. Denken Sie, dass solche Auszeichnungen wichtig sind?

„Auf jeden Fall, denn genau dies sind Dinge, die nach außen wirken. Nun sind wir Frauen ja manchmal bescheiden unterwegs nach dem Motto: „Ja klar kann ich das, habe dieses und jenes Diplom, muss es aber nicht jedem auf die Nase binden.“ Schön und ehrenwert, aber so geht es leider nicht. Vielleicht wünschenswerterweise in naher Zukunft, aber derzeit funktioniert das Spiel noch mehrheitlich nach den Regeln der Männer – und die heißen: größer, höher, schneller weiter … Mit so einer Auszeichnung kann man als Frau in diesem Spiel immerhin für Aufmerksamkeit sorgen.

Und ganz auf mich bezogen: Dieser Preis hat mir auch Türen in meiner Stadt geöffnet, die mir vielleicht sonst verschlossen geblieben wären oder die ich mühevoll hätte aufbrechen müssen. Obendrein hat es mein Selbstbewusstsein auch weiter nach vorn gebracht. Dieses typische Frauending: „Naja, soooo gut bin ich ja gar nicht, andere können das ja auch, vielleicht noch besser“ und so weiter hatte und habe ich auch verinnerlicht. Dieser Preis hat mir dabei geholfen, auf das Erreichte stolz sein zu können.“

Welches konkrete Ziel wird Ihrer Meinung mit dem Netzwerk der Vorbild-Unternehmerinnen verfolgt?

„Vordergründig geht es darum, den Status Selbstständigkeit und Unternehmertum von Frauen attraktiver zu machen. An sich ein lobenswertes Ziel unter vielen in der Frauenförderung. Bei der Festveranstaltung jedoch hatte ich den Eindruck, es ging mehr um PR für das Wirtschaftsministerium.“

Reicht ein solches Projekt aus, um auf das weibliche Unternehmertum aufmerksam zu machen?

„Nein, natürlich nicht. Es ist nur ein Projekt von vielen, die benötigt werden. Keines möchte ich missen, aber jedes Einzelne bewirkt noch zu wenig. Anderseits: Sollte sich auch nur eine Frau trauen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und sogar damit reüssieren – denn darum geht es ja – wäre schon etwas gewonnen. Dabei kommt es nicht nur auf die einzelne Frau an, sondern auf das Selbstverständnis in der Gesellschaft, das nach und nach einen Wandel erfährt. Deswegen arbeite ich mit daran. Ich wünsche mir, dass meine Tochter und meine Söhne in einem anderen Selbstverständnis leben werden – in dem es nicht darum geht, sich als Frau erst mal durchsetzen zu müssen, sondern in dem es selbstverständlich ist, dass Frauen Unternehmerinnen, Chefinnen, Vorgesetzte, Aufsichtsräte – und auch Mütter sind. Viele Themen, die speziell Gründerinnen und Unternehmerinnen ansprechen sollen, sind viel zu gering in der Öffentlichkeit vertreten.“

Was wäre Ihrer Meinung nach wichtig, um hier mehr Sichtbarkeit zu erzeugen?

„Ich glaube, es sind einfach positive Beispiele: Menschen orientieren sich an Menschen – gern an erfolgreichen. Da wir Frauen häufig zurückhaltender als die männlichen Kollegen sind, ist manchmal nicht sichtbar, was wir schon erreicht haben. Nur mit guten Beispielen, also doch ´Vorbildern´, können gerade junge Frauen ein Gefühl dafür bekommen, dass „Frau“ es schaffen kann.

 

Photo by Oliver Vosshage / Photostudio-Kroepcke-Passage / www.ov-pics.com

Photo by Oliver Vosshage / Photostudio-Kroepcke-Passage / www.ov-pics.com

Claudia Rinke leitet die Möbelspedition SCHLOMS, ein Familienunternehmen, das ihr Großvater aufgebaut hat.

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