Gründerinnen im Porträt

Ladies & Lady: Das erste offiziell sexistische* Musiklabel der Welt

Das Ladies & Ladys Label ist das erste offiziell sexistische* Musiklabel der Welt. Provokant erscheint auf den ersten Blick das Wort sexistisch. 95%* der Musikindustrie ist Männerdominiert, Sexismus ist erlebter Alltag. Die Vorstände der drei Major Labels dieser Welt sind ausschließlich männlich und der weibliche Anteil auf den Bühnen der großen Festivals liegt oft bei unter 10%. Ladies & Ladys Label ist ein vollkommen transparentes Musiklabel welches sich um die Förderung von Ladys* in der Musikbranche kümmert. Johanna Bauhus, Johanna Knoblauch und Paula Schumm haben 2016 Ladies & Ladys gegründet, um dem Sexismus in der Musikbranche den Kampf anzusagen.

*sie diskriminieren die Diskriminierung.

Ladies&Ladys gehört zu den Preisträger*innen der „Kultur & Kreativpilot*innen 2022“

Frau Bauhus, was ist die Besonderheit Ihres Start-ups?

Wir haben die ersten gendersensiblen Musikverträge mit Anti-Sexismusklauseln Deutschlands entwickelt – einen Musikvertrieb, der den Majors in nichts nachsteht, außer Kapital (Bra) und eine eigene Musikverlagsedition. Wir sind Expert*innen für Popkultur und die Implementierung von Inklusions-, Diversitäts- und Awarenessprozessen in Kultur und Medien sowie in Organisationstrukturen und bei Musikveranstaltungen. Zudem haben wir eine Psychotherapeutin im Team, die mit ihren Erfahrungen als Paartherapeutin die durchaus „eheähnlichen Beziehungen“ von Bands begleiten kann. Außerdem hat sie Erfahrung in der Begleitung von transidenten Menschen.

Was sind Ihre ersten beruflichen Erfolge?

Wir haben seit 2021 circa 12 Acts/Bands gesignt, hatten teilweise wöchentlich Releases- und das z.T. sehr erfolgreich. Mina Richman geht aktuell mit ihrem Protestsong „Baba Said“ viral, Kapa Tult ist nach „Wenn einer lügt, dann wir“ bereits die zweite Band, die für das PopCamp, eine Highlevel Bandförderung des deutschen Musikrates, ausgewählt wurde. Von besonderem medialem Interesse war 2022 das Projekt „Cock am Ring“ welches von der Band Kochkraft durch KMA und Ladies&Ladys konzipiert und umgesetzt wurde. Wir konnten die Bundesstaatsministerin für Kultur & Medien, Claudia Roth, als Schirmfrau für uns gewinnen und das Medienecho war enorm – mit Artikeln u.a. in Süddeutsche, FAZ, Zeit und einer Erwähnung des Internetclowns El Hotzo.
Seit 2022 sitze ich in der Jury des PopNRW Preises, wir durften die Laudatio für die beste Newcomer*in 2022 (Grüße gehen raus an LISER!) halten und ich begleite das PopBoard NRW als Awareness-, Diversity- und Inklusionexpertin. Und jetzt natürlich die Auszeichnung der Bundesregierung als Kultur&Kreativpilot*innen 2022!

Wie ist Ihr beruflicher Werdegang?

Ich wollte immer Erfinderin werden und studierte Industrielles Produkt Design und Prozessentwicklung (M.Sc., Dipl. Ing (FH) und B.Eng.) in Venlo und Köln. Nach einiger Zeit als Produktentwicklerin und Qualitätsmanagerin von Premiumprodukten arbeitete ich als Innovationsmanagerin und habe mich um die erfolgreiche und juristisch einwandfreie Bereitstellung von Produkten auf dem europäischen Markt gekümmert. Dann hatte ich die Idee, selbst etwas zu gründen und ein Musiklabel zu haben war schon seit meinem 15. Lebensjahr ein Traum von mir. Ich gründete Ladies&Ladys und nahm an dem Projekt der EU-Kommission „Erasmus for Young Entrepreneurs“ teil. In dem Zuge ging ich eigentlich nur für drei Monate zum Musiklabel SBÄM aus Linz AT. Weil die Leute dort aber so extrem toll waren und die Arbeit übertrieben cool, blieb ich 1,5 Jahre. Ich lernte hier, wie Musiklabel und Musikfestival geht und hatte vor allem eine urgute Zeit! Mit Beginn der Pandemie kehrte ich nach Deutschland zurück und baute die Infrastruktur für Ladies&Ladys auf.

Foto: Mina Richman

Was war für Sie der Auslöser, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Die eigene Band „Wenn einer lügt, dann wir“ war Auslöser für die Gründung von „Ladies&Ladys“. Da diese Band herausragend gut ist, kann es sich eindeutig nur um ein strukturelles Problem handeln, das kein anderes Label sie wollte. (Zwinkersmiley). Die Labelgründung war also der notwendige Schritt, um uns selbst groß rauszubringen. Heute tun wir das auch für andere, herausragend tolle Bands und Solo-Künstler*innen.

Wer hat Sie beraten, wer sind Ihre Helfer und Mentoren?

Männlicher Allys: Stefan Ägidius Beham und die Webshopbois, ansonsten möchte ich Danke sagen an alle unterstützenden Musiakteur*innen, Redakteur*innen, Clubbetreiber*innen, Anwält*innen, Mirca, mit der ich nebenbei noch Safe The Dance (Inklusions-Awareness-Diversity Agentur) gründete, alle Bands, die ich gut finde und besonders die, die im Label sind oder die wir mit „Wenn einer lügt, dann wir“ mal supporten durften, alle, die uns gebookt und Bühnen verschafft haben, alle Fördermittelgebende, alle die uns beraten haben, alle meine Freund*innen, meine Familie und meinen Freund. Ganz besonderer Dank geht an Paula Schumm und Johanna Knoblauch sowie Daphne K. und Petra Plottwist.

Was war Ihre größte Herausforderung und wie haben Sie diese gemeistert?

Die größte Herausforderung liegt noch vor uns: Die Frage ist, wie wir wachsen können und wie wir unseren Künstler*innen ihre wachsenden Bedürfnisse erfüllen können. Außerdem würden wir so langsam gerne selbst Geld verdienen mit unserer Arbeit.
Wie machen Sie auf Ihr Unternehmen aufmerksam?
Via Social Media, Musikstreamingdienste, auf musik- und musikwirtschaftlichen sowie politischen Bühnen und via Empfehlungen.

Was ist Ihre beste Vermarktungsidee?

Der Claim „wir sind das erste offiziell sexistische Musiklabel der Welt“ macht aufmerksam auf die Machtungleichgewichte in der Musikindustrie, und das jedes Mal, wenn er ausgesprochen oder geschrieben wird. Das ganze Projekt „Cock am Ring“ war sicherlich ein gute Vermarktungsidee. Wir sind immernoch ganz geflasht davon, wie viele Menschen wir damit erreicht haben und sehr dankbar für all die tollen Bühnen, die wir dadurch bekommen konnten. So gab es z.B. viele lobende Erwähnungen auf dem Festival Playground und Einladungen zu Panels und Diskussionsrunden mit großartigen Menschen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit, u.a. auf dem New Fall Festival (MTV Music Week) und dem Future of Festivals in Berlin. Außerdem stecken wir immer viele gute Vermarktungsideen in die Releasepläne unserer Artists, es bleibt also spannend 😉

Wie haben Sie die Finanzierung Ihrer Gründung umgesetzt?

Die Ausbildung „zur Musiklabelbossin“ habe ich durch Erasmus for Young Entrepreneurs, mit kleinen Hilfen meiner Großeltern und Eltern und durch Nebenjobs finanziert. Durch Projektförderungen und Crowdfunding Kampagnen können wir die Umsetzung der Projekte unserer Künstler*innen realisieren und die eigenen Musikveranstaltungen. Ich selbst finanziere mich durch (zu) viele Nebenjobs und hoffe, dass sich das zukünftig ändert. Finanzierungsideen sind also willkommen 😉

Welchen Traum möchten Sie noch verwirklichen?

Ich möchte gerne von Ladies&Ladys leben können und Sony (oder die anderen Majors) platt machen und bei Rock am Ring (oder einem anderen großen Festival) auftreten 😉  Ich hätte sehr gerne ein Ladies&Ladys Büro/Flagshipstore in Münster, ein cooles Ladenlokal, in dem ich arbeiten, tolle Leute einstellen, Künstler*innen und Besucher*innen treffen kann. Und in dem immer nur gute Musik läuft und man den Merch und die Platten unsere Artists käuflich erwerben kann. Achso und ein Kühlschrank mit Premiumgetränken und ab und zu Livekonzerte.

Ihr Tipp: Was würden Sie anderen Gründerinnen empfehlen?

Einfach machen und Spaß dabei haben! Ganz wichtig, denn auch positiver Stress ist Stress: Pausen gönnen und Familie und Freund*innen nicht vernachlässigen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!

Hier geht es direkt zur Homepage von Ladies & Ladys: www.ladiesundladys.de

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