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Tanja Manderfeld: Lebenswege brauchen keinen „Plan B“

Tanja Manderfeld ist Zirkuspädagogin. Sie unterrichtet diverse Zirkusdisziplinen innerhalb der Kulturellen Bildung, in berufsbegleitenden Weiterbildungen und im Freizeitbereich Erwachsener. Ihren Ingenieursberuf gab sie dafür auf, doch das Wissen und Verständnis für mathematische und physikalische Zusammenhänge kommt ihr als Zirkus-Riggerin zugute. Auch ist sie stellvertretende Vorständin der Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik e.V., die aktuell u.a. das bundesweite Pandemie- und Zukunftsprogramm „NEUSTART KULTUR im Circus“ der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien (BKM) umsetzt. Somit ist Tanja Manderfeld Arbeitgeberin für neun Arbeitnehmer*innen und betreut die Verwaltung zur Bereitstellung von über 10 Mio. Euro innerhalb des Projektbüros NEUSTART KULTUR im Circus für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs.

WIE DEFINIEREN SIE ERFOLG?

Erfolg ist für mich die Summe von Effekten des eigenen Tuns. Erfolg setzt sich in meinen Augen zusammen wie ein persönliches Mosaik: aus vielen kleinen Teilen entsteht nach und nach ein immer größeres Bild. Das Mosaik ist schon eines mit dem ersten Stein. Jeder Stein ist wichtig und richtig. Scheint ein Stein wie deplatziert, ergibt sich durch weitere Steine ein neues Bild. Jeder Stein trägt zum Gesamtbild bei. Das Bild ist ein sich immer weiterentwickelndes Lebenswerk.

WAS ZEICHNET SIE AUS?

Ich erlebe mich selbst als facettenreich. Zwei große Facetten sind wohl meine Leidenschaft und meine Begeisterungsfähigkeit. Auch sehe ich mich als „Macherin“ und „Möglichmacherin“. So setze ich mich stets dafür ein, Projekte so durchzuführen, so zu lenken, dass ich auch dahinter stehen kann. Dabei unterstützen mich meine Willensstärke und meine Kreativität.

Ich liebe die Vielfalt der Grautöne, statt schwarz-weiß zu denken. Somit kann ich auf der einen Seite meine Akribie ausleben und auf der anderen Seite eine Großzügigkeit für das Lückenhafte aufbringen.

Ich bin in der Lage mich selbst und mein Tun zu hinterfragen, um anschließend unterschiedliche Wege auszuprobieren.

WER ODER WAS IST IHR MOTOR?

Die Neugier und die Forscherin in mir. Jeder einzelne Aspekt meiner Tätigkeit sehe ich als Experiment. Ich kann nie wissen, was dabei rauskommt. Und was passiert eigentlich, wenn ich eine Sache daran ändere? Was mag dann wohl rauskommen? Wünsche ich ein bestimmtes Ergebnis, so probiere ich immer wieder, wie ich dem näher kommen kann. Und dann ist da plötzlich das nächste Experiment…

Tanja Manderfeld: Lebenswege brauchen keinen „Plan B“STRAIGHTER WEG ODER ABZWEIGUNGEN – WIE VERLIEF IHR BERUFSWEG BISHER?

Kann man es als „straight“ bezeichnen, wenn man ständig die Abzweigungen nimmt?

Was meine Berufsversuche verbindet, ist wohl die Ungewöhnlichkeit und die Kurzlebigkeit. So versuchte ich es zuerst als Goldschmiedin. Nach wenigen Wochen konnte dieser Beruf meine Neugier nicht mehr befriedigen. Dann lernte ich das Tätowieren, was mich auch nach einigen Monaten nicht mehr mitriss. Die 10 Semester meines Architekturstudiums habe ich wohl nur durchgehalten, weil es in jedem Semester neue Entwurfs-Aufgaben gab, die immer neue Herausforderungen mit sich brachten. Der Beruf, den ich dann 1,5 Jahre freiberuflich ausgeübt habe, sah leider sehr anders aus. Manche scheinen darin eine Erfüllung zu finden, so habe ich jedenfalls meine Kommiliton*innen und Professor*innen erlebt. Für mich waren die immer gleichenden Aufgaben und die Ellenbogengesellschaft eine Qual. So I quit my job and went to the circus!

Als Quereinsteigerin nahm ich an einer Zirkuspädagogischen Weiterbildung teil, ohne fundierte pädagogische Ausbildung. Vielleicht macht es das aus, dass ich mich nicht als pädagogische Gelehrte sehe, sondern immer mein Tun beobachte, hinterfrage und überlege, auf welche Arten und Weisen man in ähnlichen Situationen noch handeln kann. Zirkus als Kulturelle Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit bietet mir nicht allein die Möglichkeit, meine Kreativität auszuleben und immer wieder neu zu entdecken, Zirkus an sich mit den unterschiedlichen Disziplinen ist so vielfältig, dass es mir unmöglich erscheint, irgendwann ausgelernt zu haben. Begonnen habe ich selbst mit Jonglage, lernte Luftakrobatik zuerst am statischen Trapez, dann am Vertikaltuch. Handstandtraining begeistert mich noch heute. Das Tuch mochte ich nicht mehr, lieber das Vertikalseil, da muss man nicht so viel wickeln und es gibt neue Techniken. Und schließlich kam ich zum Schwungtrapez. Zuerst lernte ich selbst zu schwingen, dann auch das Longieren. Das heißt, ich unterrichte andere im Schwingen, während ich sie über ein Seilsystem sichere. Auch diese Laufbahn war also nie straight, aber Zirkus ist immer Zirkus, auch wenn man sich mit anderen Aspekten von Zirkus auseinandersetzt.

Mittlerweile bin ich stellvertretende Vorständin der Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik e.V. und vertrete die zirkuspädagogische Landschaft vor Politik und Öffentlichkeit.

Die Zirkuslandschaft wurde durch die Pandemie hart getroffen. Das Projektbüro Neustart Kultur im Circus hat gemeinsam mit den deutschlandweiten Zirkusverbänden Brücken für die Zukunft gebaut, Finanzierung bereitgestellt, Zirkusunternehmer*innen vernetzt und beraten. Genau das braucht es auch weiterhin und langfristig, damit Zirkus als Teil der Kultur- und Kreativszene nachhaltig gefördert wird. Zirkus ist so innovativ und blickt gleichzeitig auf eine lange Tradition zurück – es macht einfach Freude, sich dafür zu engagieren. Ich bin gespannt, wohin mich diese Reise wohl noch bringt.

GIBT ES ROLLENBILDER IN IHREM ALLTAG, DENEN SIE GERN ENTKOMMEN MÖCHTEN?

Ich habe lange versucht, dem Geschlechterrollenbild zu entkommen, habe versucht, dem entgegenzuwirken. Dann habe ich festgestellt, dass auch das nicht ist, was ich möchte. Ich möchte einfach sein und mich wohlfühlen mit dem, was ich bin und was ich mache. Doch Menschen scheinen es zu mögen, nach Mustern zu suchen und das nicht allein für Rollenbilder. Und dazu scheint Schubladendenken Menschenleben leichter zu machen. Das ist mittlerweile ok für mich.

WELCHE EIGENE ERFAHRUNG GEBEN SIE ANDEREN FRAUEN ALS TIPP MIT AUF DEN WEG?

Als ich mich dazu entschlossen hatte, mit Zirkus meinen Lebensunterhalt zu verdienen, habe ich vermieden, nach Möglichkeiten zu suchen, falls es mit dem Zirkus nicht klappt. Auf meinem Weg begegneten mir einige Situationen, in denen ich wohl leicht auf einen Plan B zurückgegriffen hätte, doch dann wäre ich heute nicht so erfolgreich in dem, was ich tue.

Was ich anderen Menschen also gern mitgebe, ist, dass Lebenswege keinen „Plan B“ brauchen, weder beruflich noch privat. In schwierigeren Situationen scheint alles Andere leichter als das, was vor jemandem liegt. Auf einen anderen Weg zu schauen kann eine*n somit schnell vom eigentlichen Weg abbringen.

Hast Du keinen Plan B, musst Du in jeder Situation schauen, wo der Weg lang geht. Manchmal geht es steil um die Kurve oder Du entscheidest Dich für Abzweigungen, aber es geht immer voran, der Weg ist das Ziel.

Vielen Dank!

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