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Female Leadership: Womit Frauen in Chefetagen kämpfen

Von Stefanie Ostertag

Diversität macht Unternehmen innovativer und erfolgreicher. Arbeiten ähnliche Menschen zusammen, sind auch die Perspektiven ähnlich, die sie in ihre Arbeit einbringen. Das erhöht die Gefahr, wichtige Trends, Entwicklungen und Chancen zu übersehen. Eine internationale Analyse der Unternehmensberatung McKinsey ergab, dass Unternehmen mit Frauen im Vorstand 25 Prozent erfolgreicher sind als diejenigen mit einer männlich-monotonen Chefetage.

Ein absolut bestechendes Argument für Diversität, würde man meinen. Die Realität sieht anders aus. Im Februar sorgte das Foto eines CEO-Lunchs auf der Münchner Sicherheitskonferenz für Aufsehen. Es zeigte ausschließlich mächtige „alte, weiße Männer“. Keine Frau. Keine Person of Color. Im Jahr 2021 betrug der Anteil von Frauen in den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen 14,7 Prozent. Da ist noch viel Luft nach oben.

Haben es die Frauen in die Führungsebenen geschafft, heißt das noch lange nicht, dass sie dort auch gehört werden. Ein Klischee und doch Alltag für viele: In einem Führungskräfte-Meeting werden erst einmal die Bundesligaergebnisse vom Wochenende diskutiert. Teilnehmerinnen unserer Seminare berichten davon, dass sie sich in solchen Situationen ausgeschlossen fühlen und sie diese Rituale richtig wütend machen, weil sie sich lieber den Inhalten widmen würden.

Diesen Frauen rate ich, in solchen Situationen zu reflektieren, was eigentlich passiert: Was beobachte ich? Welche Gefühle löst das in mir aus? Wie reagiere ich (meistens) darauf? Sind einem die eigenen Verhaltensweisen und die des Umfelds bewusst, gelingt es in der Regel, gelassener damit umzugehen, Gegenstrategien zu entwickeln und eigene Bedürfnisse sachlich anzusprechen. Dabei hilft es auch, dem Phänomen einen liebevollen Spitznamen zu geben, den Kollegen zum Beispiel augenzwinkernd vorzuschlagen, das „Warmmachen“ heute mal abzukürzen und direkt zum Thema zu kommen.

In deutlich männlich geprägten Bereichen haben weibliche Führungskräfte häufig mit mangelnder Akzeptanz zu kämpfen. Viele Klientinnen berichten von Konflikten mit Mitarbeitern, da diese Vorurteile haben oder bisher einen anderen Führungsstil gewohnt waren. Aber auch die Ansprüche an sich selbst sind enorm hoch: Frauen, die sich im Job behaupten und in Führungspositionen aufsteigen, haben fast immer das Gefühl, mehr leisten zu müssen als ihre männlichen Kollegen. Einige leiden unter dem sogenannten Imposter-Syndrom – dem Gefühl, irgendwann als Hochstaplerin aufzufliegen. Hier kann Coaching helfen, diese Verhaltensmuster zu erkennen, zu benennen und umzustricken.

Aber führen Frauen wirklich anders? Mit Female Leadership werden Werte wie Partizipation, Empathie, Kooperation oder Bedürfnisorientierung verbunden. Das trifft auch zu: Manche Frauen zeigen aufgrund ihrer Sozialisation in der Arbeitswelt andere Werte, Eigenschaften oder Verhaltensweisen als manche Männer. Female Leadership ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Führungsstil aller Frauen. Diese Vereinfachung untermauert eher klassische Rollen und Geschlechterstereotype unserer Arbeitswelt. Vielmehr sollte es darum gehen, sich mit dem eigenen individuellen Führungsstil auseinandersetzen: Was ist mir wichtig? Wie will ich führen? Was bringe ich mit? Was hat mich geprägt?

Im Coaching oder in Seminaren ermutigen wir Frauen mit diesen Fragen, ihre Führungspersönlichkeit zu entdecken und weiterzuentwickeln. Meine Lieblingsübung heißt „Führungsvorbilder“: Wir begeben uns auf eine mentale Reise zurück zu Persönlichkeiten, die unsere Sicht auf Führung geprägt haben. Im Anschluss werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Vorbilder beleuchtet und davon Führungsgrundlagen und Werte abgeleitet. Das funktioniert im Coaching sehr gut, diese Fragen kann man sich aber auch einmal selbst stellen: Wer hat mich geprägt? Was war das Besondere? Welchen Einfluss hatte das Führungsverhalten dieser Person auf mich?

Grundsätzlich lässt sich sagen: Reden hilft! Frauen sollten über Herausforderungen sprechen, voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und Netzwerke pflegen. Dieser Austausch untereinander ist uns auch in Seminaren und Workshops enorm wichtig. Denn Diversität und unterschiedliche Perspektiven bereichern immer, auch wenn es manchmal unbequem ist. Aber die Mühe lohnt sich!

 

Quellen:

  • McKinsey: Studie „Diversity Wins – How Inclusion Matters“, Analyse von Daten von mehr als 1.000 Unternehmen in 15 Ländern
  • Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung: Frauenanteil in den Vorständen der 100 bzw. 200 größten deutschen Unternehmen von 2006 bis 2021, Januar 2022

 

Über Stefanie Ostertag
Stefanie Ostertag ist Beraterin und zertifizierte systemische Coach. Gemeinsam mit Charlotte Sparla hat sie SPOT Change Management gegründet und begleitet Unternehmen und Teams bei der Transformation. Ihr Fokus: Zusammenarbeit effizient, innovativ und wertschätzend aufstellen und neue Formen des gemeinsamen Arbeitens entwickeln, Sie gibt Seminare zu den Themen agiles Arbeiten, Motivation und Leadership. Als ehemalige Führungskraft in der Kreativbranche kennt sie zudem die Herausforderungen, die Agenturalltag und Führung mitbringen.

Mehr Infos: www.spot-change.com

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