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Frauen & Männer – Wie groß sind die Gehaltsunterschiede?

Deutschland ist einer der führenden Industriestaaten der Welt und hinkt dennoch in einigen Bereichen der globalen Konkurrenz hinterher. Dazu gehört auch die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen, die deutlich werden durch die Gehaltsunterschiede. In kaum einem anderen europäischen Land klaffen die Gehälter der Geschlechter so weit auseinander wie in der Bundesrepublik. Dabei bezieht sich das Gender Pay Gap nicht nur auf einzelne Branchen, sondern lässt sich in vielen Industriezweigen beobachten.



Nach den offiziellen Angaben des Statistischen Bundesamtes verdienten Frauen im vergangenen Jahr rund 18 Prozent weniger als Männer. So lag das durchschnittliche Gehalt für Frauen bei 18,62 Euro brutto. Männer kamen auf einen Stundenlohn von 22,78 Euro. Das entspricht einer Differenz von 4,28 Euro.

Besonders gravierend sind diese Zustände in Industriezweigen, in denen Männer einen Großteil der Arbeitskraft ausmachen. Hier wäre z. B. das klassische Handwerk zu nennen. Malergewerbe, Elektrotechnik, Straßenbauer oder Schlüsseldienst – in diesen Bereichen verdienen weibliche Fachkräfte unter gleichen Voraussetzungen rund 11,3 Prozent weniger als die männlichen Kollegen. Wer also bei nächster Gelegenheit einen Schlüssel nachmachen lassen möchte, wird nicht nur mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Mann antreffen, sondern auch Teil eines Systems sein, indem weiterhin ein Gender Pay Gap vorherrscht.

Gründe für Gehaltsunterschied

Frauen & Männer – Wie groß sind die Gehaltsunterschiede?

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Wirft man einen objektiven Blick auf die Arbeitswelt, fällt es schwierig, die klaffende Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern logisch zu erklären. Schließlich sollen sowohl weibliche als auch männliche Arbeitskräfte bei gleicher Leistung auch entsprechend gleich bezahlt werden. Doch die Realität sieht trotz öffentlicher Debatten und versuchten Optimierungen seitens der Politik seit Jahren anders aus. Wie kann das sein? Wo liegen die Gründe für die anhaltende Verdienstlücke zwischen den Geschlechtern?

Das Statistische Bundesamt erhebt auf Basis der Verdienststrukturerhebung alle vier Jahre ursächliche Faktoren des Gender Pay Gap. Zwar liegen die derzeitigen Ergebnisse dieser Erhebung bereits drei Jahre zurück, dennoch sind die Ursachen für den Fortbestand des geschlechtsspezifischen Gehaltsunterschiede immer noch aktuell. So basieren rund 71 Prozent der Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern auf strukturellen Kriterien. Demnach arbeiten weibliche Arbeitskräfte häufiger in Branchen und Berufen, in denen generell schlechter bezahlt wird und in denen das Erreichen einer Führungsposition wesentlich unwahrscheinlicher als in anderen Wirtschaftszweigen ist. Darüber hinaus bekleiden sie im Gegensatz zu den männlichen Kollegen häufiger eine Teilzeitstelle oder gehen einem Minijob nach. Dadurch sinkt automatisch der durchschnittliche Stundenlohn.

Um das strukturbedingte Ausmaß des Gender Pay Gap genauer zu erfassen, wird jedes Jahr die Arbeitskräfteerhebung in Auftrag gegeben. Diese ermöglicht eine genauere Erfassung der aktuellen Umstände und schafft einen Überblick des Status quo. Der Bericht aus dem Jahr 2019 hat folgendes Ergebnis zutage gefördert:

  • 47 Prozent der erwerbstätigen Frauen zwischen 20 und 64 Jahren waren in Teilzeit tätig.
  • Der Anteil der Männer betrug nur 9 Prozent.
  • 31 Prozent der teilzeitarbeitenden Frauen betreuten ihre Kinder oder Pflegebedürftige.
  • 17 Prozent der teilzeitarbeitenden Frauen gingen anderen familiären oder persönlichen Verpflichtungen nach.
  • 29 Prozent entsprechen dem bereinigten Lohnunterschied.

Bereinigter Lohnunterschied

Gleichwohl der Staat das Gender Pay Gap unter Berücksichtigung der strukturellen Voraussetzungen bewertet und beobachtet, unterscheidet er zwischen dem unbereinigtem und bereinigtem Lohnunterschied. Erstere Rubrik vergleicht den allgemeinen Durchschnittsverdienst zwischen allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Dadurch werden die strukturbedingten Faktoren berücksichtigt, was ein tieferes Verständnis schafft.



Das bereinigte Gender Pay Gap misst dagegen das Einkommen zwischen Männern und Frauen mit ähnlichen Qualifikationen, Tätigkeiten und beruflichen Erfahrungen. Letztlich werden so strukturelle Aspekte fast komplett aus dem Vergleich entfernt, was zu einem sehr fundierten Überblick der Verdienstlücke führt. Demnach verdienten weibliche Arbeitskräfte bei vergleichbarer Tätigkeit und gleicher Qualifikation im Jahr 2018 rund sechs Prozent weniger pro Stunde als Männer.

Wo sind die Lohnunterschiede besonders hoch?

Zum Equal Pay Day 2021 haben Gehalt.de und die Comdirect-Initiative Finanz-Heldinnen eine Studie veröffentlicht, die das branchenspezifische Ausmaß der Verdienstlücke in Deutschland aufzeigt. So wurden auf Basis von fast 144.000 Datensätzen das bereinigte Gender Pay Gap nach Wirtschaftszweig, Berufsgruppe und Region untersucht.

Als großer Verlierer der Erhebung entpuppte sich der Einzelhandel. In Supermärkten, beim Discounter oder in der Drogerie verdienen weibliche Arbeitskräfte rund zwölf Prozent weniger als die männlichen Kollegen. Eine ähnliche große Lohnlücke klafft im Einzelhandel für Bau und Einrichtung (10,4 Prozent) und in der Versicherungsbranche (10,1 Prozent).

Pflege – Chaos durch Corona

Ein besonderes Augenmerk richtete die Studie auf den Pflegebereich. Die Branche ist bereits seit Jahren chronisch unterbezahlt und wird seit Ausbruch der Corona-Pandemie vor immer größere Herausforderungen gestellt. Längere Arbeitszeiten und strengere Hygienemaßnahmen sorgen bei den Pflegekräften für eine hohe Belastung. Die ungleiche Verteilung der Löhne kommt noch erschwerend hinzu. Dabei arbeiten in diesem Bereich wesentlich mehr Frauen als Männer.

Laut den Ergebnissen der Studie verdienen weibliche Pflegekräfte trotz gleicher Leistung rund 4,2 Prozent weniger als die männlichen Arbeitskollegen. Noch akuter ist der Zustand in den Krankenhäusern. Hier beläuft sich das Gender Pay Gap sogar auf 8,3 Prozent. Selbst in deutlich lukrativeren Branchen wie etwa der Automobilindustrie oder im Bankwesen klafft zwischen den Löhnen der Frauen und Männer nicht solch eine Lücke. Der bereinigte Lohnunterschied ist in diesen Wirtschaftszweigen mit fast acht Prozent dennoch recht hoch.

Gender Pay Gap: Diskussion für die Ewigkeit

Für Leistung und Aufwand möchte jeder Arbeitnehmer in Form von Geld entschädigt werden. Dabei sollte es keine Rolle spielen, ob man jung oder alt, homo- oder heterosexuell, katholisch oder muslimisch ist. Gleiches gilt auch für das Geschlecht. Warum werden also Frauen und Männer bei gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit nicht gleich entlohnt?

Diese Frage mündet stets in der gleichen Diskussion, die höchst politische Hintergründe aufdeckt und eine nicht enden wollende Argumentationskette entfacht. Die korrekte und vor allem gerechte Bemessung von Leistung ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch wenn sich in der Wirtschaft mittlerweile einige Stellschrauben in die richtige Richtung drehen, bleibt die perfekte Handhabung des Gender Pay Gap eine Diskussion für die Ewigkeit. Einzelne Unternehmen haben darauf zwar schon reagiert und Einheitslöhne eingeführt, doch dieser Lösungsansatz wirft abermals die Frage auf, ob die eigene Leistung auf diese Art und Weise korrekt bemessen wird – ein Rattenschwanz.

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