Diversität

AUFSTEIGER: Der Weg zu einer offenen, solidarischen Gesellschaft

Von Stefanie Mattes, AUFSTEIGER

Als Putzkraft zu arbeiten, anstatt sich mit einem Praktikum aufs Studium vorzubereiten, kenne ich aus eigener Erfahrung. Regale einzuräumen, um die Miete bezahlen zu können, anstatt eine Vorlesung zu besuchen oder Burger zu braten und dann erst Zeit für die Uni zu finden – diese und viele andere Geschichten wurden mir schon häufig erzählt. Von wem? Von Menschen, die wie ich als erste in ihrer Familie studiert haben. Hat mir das Putzen geschadet? Sicher nicht! Hätte ein Praktikum stattdessen geholfen? Vielleicht!

Das alte Problem der ungleichen Chancenverteilung

Im Gegensatz zu Mitschüler:innen, die einen akademischen Hintergrund hatten, hatte ich keine Ahnung, wie vermeintlich gute Lebensläufe geschrieben werden, auf was es in der Karrierevorbereitung ankommt und was für mich später wichtig sein könnte. Das war zwar in den 90ern, aber bis heute hat sich  trotz der digital verfügbaren Informationen nicht viel daran geändert.

Für eine erfolgreiche Berufslaufbahn und soziale Mobilität im Allgemeinen ist neben vielen anderen Dingen wie guter Leistung wesentlich, eine Person zu haben, die Erfahrungen und Wissen mit einem teilt. Aber wo findet man diese Ansprechpersonen? Im Bekanntenkreis der eigenen Familie vermutlich nicht.

„First generation students“ wie ich können nicht auf gewachsene Netzwerke zurückgreifen, um ihren Weg nach vorne zu träumen, zu planen und zu gestalten. Auch das ist vielleicht ein Grund, warum Deutschland laut dem Bericht des World Economic Forum 2020 im Bereich soziale Mobilität nicht Platz 1 belegt. Deutschland zeigt verbesserungsbedürftige Aufstiegschancen: Erkennbare Hürden sind ungleiche Bildungschancen und Schwächen in der Lohngerechtigkeit. Und damit sind auch die Chancen bei gleicher Leistung nicht gerecht verteilt.

Wie kommen wir da raus? Begegnung auf Augenhöhe!

Ich glaube, dass der vorurteilsfreie Austausch zwischen Menschen ein Mittel der Veränderung sein kann. Deshalb habe ich im letzten Jahr Aufsteiger ins Leben gerufen. Aufsteiger ist eine Mentoring-Plattform und richtet sich an Mentees, die als Erste in ihrer Familie eine akademische Laufbahn absolvieren und eine Karriere in einem Unternehmen anstreben. Als Mentor:innen sind Fach- und Führungskräfte aus mittleren und großen Unternehmen herzlich eingeladen, sich anzumelden.

Mit Aufsteiger möchte ich einzigartige Lebenswege zusammenführen, den Austausch von Erfahrungen, Werten, Wissen auf Augenhöhe initiieren und Zugang zu Netzwerken schaffen. Die Basis dafür ist ein Algorithmus-gestützter Matching-Prozess, der anhand geteilter Werte, beruflicher Interessen und Erfahrungen, sowie Persönlichkeitsmerkmalen „best matches“ identifiziert. In den bisher über 100 Tandems nehmen Mentor:innen und Mentees die Perspektive des jeweils anderen ein, erarbeiten zusammen die Stärken der Mentees und profitieren auf vielfältige Weise voneinander. So schaffen Sie konkrete Chancen und verkleinern Abstände – jeden Tag.

Mentees erzählen von erfolgreichen beruflichen Einstiegen und Wechseln, die sie nur aufgrund des Austauschs und der Ermutigung im Mentorat in Angriff genommen oder durch gemeinsames Training für ein Assessmentcenter geschafft haben. Horizonte werden neu definiert, weil man den entsprechenden Zuspruch und eine qualifizierte Einschätzung erhält. Viele Mentor:innen sind begeistert von der Power der Mentees, deren Erfahrungsschatz und deren Blick auf die Welt.

Der Aufsteiger-Weg: Im Unternehmen die Gesellschaft verändern

Unsere Gesellschaft sollte wieder mehr auf Chancengerechtigkeit achten und soziale Abstände verkleinern. Einen Beitrag zu diesem notwendigen Wandel können Unternehmen leisten, indem sie eine Teilhabe von allen Qualifizierten ermöglichen. Darum freut es mich, dass sich über 4.000 Arbeitgeber durch die Unterzeichnung der Charta der Vielfalt, die seit 2021 auch die Dimension der sozialen Herkunft abdeckt, zur Berücksichtigung von Diversität verpflichtet haben.

Aufsteiger kann hier einen großen Mehrwert schaffen.  Die Unterstützung durch Aufsteiger zwischen Berufseinstieg und Karriereplanung ermöglicht es Mentees, diejenigen Wege im Unternehmen zu finden, die optimal zu ihren Stärken passen. Je mehr sichtbare Vorbilder es  gibt, umso mehr folgen  ihren Beispielen! Somit bietet Aufsteiger einen wichtigen Baustein für Unternehmen, um Diversität, Inklusivität und Chancengerechtigkeit im Unternehmensalltag zu leben und damit verbundene Ziele zu erreichen.

Mein eigener Weg ins Unternehmen und auf die Führungsebene war alles andere als gerade. Aber ich habe dabei auch gelernt, was dafür nötig ist. Damit junge Menschen schneller lernen, eine berufliche Umgebung zu finden, in der sie ihre Stärken optimal einbringen können – dafür gibt es Aufsteiger. Ich lade Sie herzlich ein: Werden Sie Mentor:in oder Mentee. Zusammen schaffen wir Chancen!

Erfahren Sie mehr über die Initiative und erfolgreiche Tandems auf dem Aufsteiger-Presseportal und LinkedIn.

Stefanie Mattes …

… wuchs am Fuße der Schwäbischen Alb als Tochter eines Krankenpflegers und einer Krankenpflegerin auf. In der Schule verdiente sie sich durch Nebenjobs ihr eigenes Geld dazu – und machte als Erste in ihrer Familie das Abitur. Stefanie erlebte, dass der soziale Hintergrund und unterstützende Netzwerke – nicht Leistung allein – wesentlichen Einfluss auf einen beruflichen Werdegang haben können.

Auf Wunsch ihrer Eltern, einen Berufsweg mit gesichertem Einkommen einzuschlagen, studierte Stefanie Jura und schloss zügig mit dem ersten und zweiten Staatsexamen ab. Der Plan eine diplomatische Karriere anzutreten, scheiterte jedoch an der Aufnahmeprüfung des Auswärtigen Amts und Stefanie musste sich neu orientieren. Erst nach vielen Bewerbungen und Tätigkeiten als freie Mitarbeiterin gelang ihr der Einstieg bei einem Unternehmen, das jedoch kurz darauf insolvent ging. Über weitere Umwege kam Stefanie schließlich zu einem internationalen Großkonzern, wo sie heute als Führungskraft im Bereich „Post Merger Integration“ arbeitet. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sich Stefanie seit mehreren Jahren als Mentorin bei der Roland Berger Stiftung und der Universität St. Gallen. 2020 gründete Stefanie die Mentoring-Initiative „Aufsteiger“, die als gemeinnützige GmbH auch Spenden annehmen kann.

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