Unternehmerinnenwissen

Gewaltprinzipien in deutschen Unternehmen

Von Martina Lackner, Autorin und Psychologin

Der SPIEGEL bringt in der letzten Wochenendausgabe eine Titelstory zum Thema Feindbild Frau.

„Das Spektrum der Gewalt gegen Frauen in der On- wie Offline-Welt ist groß. Hetze im Internet, vor allem von rechts soll Frauen mundtot machen. Sie werden gestalkt oder bloßgestellt… In Partnerschaften werden Männer gegen Frauen handgreiflich und kontrollieren sie über Apps und Spycams“, so die Autoren des Beitrags.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Gewalt nicht nur digital und im privaten Raum, sondern auch in den Unternehmen stattfindet. Eine Trennung von gewaltvollen Handlungen gegen Frauen in privat und beruflich gibt es nicht. Gewalt wirkt systemimmanent durch vorwiegend Männer, Kollegen, Vorgesetzte und Mitarbeiter. Sie liegt im beruflichen Kontext nur im Verborgenen.

Hinter der Tarnung wirkt die Gewalt

Unsere tiefenpsychologische Studie zu den verborgenen Karrierewiderständen von hoch qualifizierten karriere-ambitionierten Frauen hat ergeben, dass Frauen Seismografen sind. Sie reagieren bewusst oder unbewusst auf ein gewaltvolles System: „Obwohl unsere Interviewpartnerinnen viele gewaltvolle Situationen beschrieben haben, sprachen sie selbst nicht von gewaltvoller Kommunikation oder angreifenden Verhaltensweisen. Auffällig viele unserer Probandinnen intellektualisierten und bagatellisierten die Beschreibungen der (all-)täglichen Aggressionen im Büro.“

Die eigene, berechtigte Aggression als Response auf gewaltvolle Verhaltensweisen kam nur bei wenigen der Befragten zum Vorschein. Es schien den meisten angenehmer zu sein, ihre Erlebnisse und Beobachtungen in die üblichen Kategorien einzuordnen: Business as usual. Das ist halt so. Unternehmen ticken so. Das bedeutet, Frauen verleugnen und unterdrücken ihre Gefühle und passen sich dem vorherrschenden Sprach- und Meinungshabitus an.

Wir sehen in dieser Verhaltensweise einen weiteren Hinweis dafür, dass auf der innerpsychischen Ebene die Tabuisierung eines unterschwellig angst machenden Themas stattfindet. Um für das Thema Akzeptanz zu entwickeln, boten wir den Frauen Begrifflichkeiten wie „weiche“ oder „subtile“ Gewalt an. „Weich“, weil sie ja keinen physischen Charakter hat, schließlich wird in deutschen Büros nicht geschlagen und „subtil“, weil die angewandten Strategien und Verhaltensweisen nicht als Gewalt erkannt werden. Das half den Befragten, einen besseren Zugang zum Thema zu finden.

Die Konsequenz: Frauen kommen nicht in ihre volle Kraft

Wer nicht deutlich wahrnehmen kann, was tatsächlich wirkt, und Gefühle unterdrückt, kann auch seine Impulse zur Gegenwehr und Distanzierung nicht aktivieren. Wird die Aggression also nicht als Aggression gefühlt, was bei vielen unserer Interviewpartnerinnen der Fall zu sein scheint, kann sich auch kein adäquater Impuls als Konsequenz herausbilden. Wir sprechen in der Psychologie von gebundener Energie. Viel zu viele Frauen bleiben aufgrund dieser Bindung auf dem zugewiesenen Level statt sich aktiv um ihre Karriere zu kümmern.

Genau dieser Stillhalte-Mechanismus, der bei vielen Frauen wirkt, ist der Karrierekiller Nr. 1: Frauen verleugnen ihre Gefühle. Sie verharren (zu lange) in gewaltvollen, blockierenden Strukturen. Sie arbeiten sich systematisch im und am System ab, mit der Konsequenz, sich immer weniger ihres eigenen Selbstwertes und ihrer Ich-Stärke sicher zu sein. Dass sie sich mit der Zeit selbst nicht mehr als geeignet für Führungsaufgaben sehen, kann ein fatales Ergebnis dieses Abbauprozesses sein.

Nach unserer Einschätzung will das männlich dominierte System genau das auch erreichen. Wir halten diese Absicht allerdings nicht für eine grundsätzliche Bösartigkeit von Männern, sondern für einen existenziell wichtigen Sicherungsmechanismus, der durch verborgene Ängste und Bedrohungsgefühle ausgelöst wird. „

(Anmerkung: zu unterscheiden sind Verhaltensweisen von männlichen Führungskräften, die psychopathologischen Charakter aufweisen. Auch diese gibt es in den Unternehmen. Wir legen Wert auf eine Grenzziehung zwischen Führungskräften, die sich selbst sichern und Führungskräfte, die eine Diagnose mit krankhaftem Charakter aufweisen.)

Die blinden Flecken der Frauen als Indiz für Angst-Gewalt-Spiralen

„Eine Erkenntnis, die uns besonders erschüttert hat, ist, dass unsere Probandinnen die Bedrohung, die sie im System auslösen, nicht erkennen. Sie sind durchgehend hervorragend ausgebildet, mehrsprachig, promoviert mit langjährigen Auslandsaufenthalten, bringen Leadership mit, sind reflektiert, bereit für eine Fehlerkultur und begreifen sich nicht als ernstzunehmende und angst machende Konkurrenz gegenüber Vorgesetzten und Kollegen.

Das scheint nicht in das Selbstbild von Frauen zu passen und wird daher auch nicht in einen Zusammenhang mit dem tatsächlich Erlebten gebracht. Wir haben es in unseren Auswertungsdiskussionen als „Kein-Anschluss-unter-dieser-Nummer“-Phänomen bezeichnet. Aus unserer Sicht zeigt sich angesichts der unterschwelligen Aggressivität, die sie im Arbeitsalltag erleben, in diesem Phänomen eine angst gesteuerte, angepasste Verhaltensstrategie. Wenn man so will, ist es der Versuch einer unbewussten Unterwerfungsgeste gegenüber der Gewalt.

Wir gehen davon aus, dass Frauen auf der unbewussten Ebene Ängste und sich daraus entwickelnde Drohszenarien intuitiv wahrnehmen und selbst wiederum angstvoll darauf reagieren. Wir sprechen in der systemischen Psychologie von Angst-Gewalt-Spiralen, die als solche im Arbeitskontext nur schwerlich wahrgenommen werden können. Die Spitze des Eisberges wird in deutschen Unternehmen dann sichtbar, wenn es zu Eskalationen kommt und selbst in diesen Fällen müssen wir damit rechnen, dass viele Menschen im System selbst bei heftigen Kollisionen bereit sind, diese in den Kontext von „business as usal“ zu setzen.

Frauen sind gut beraten, die Strategie der drei Weisen Affen – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – aufzugeben. Stattdessen sollten sie sich mit dem Phänomen beschäftigen, dass Männer Angst vor ihnen haben, auch wenn dies verleugnet und hinter einem Machthabitus versteckt wird.“

(Auszug aus Side by Side-Studie: Erfolgreiche Frauen in deutschen Führungsetagen – ein Tabu? Eine psychologische Untersuchung verborgener Karrierewiderstände hochqualifizierter Frauen. S. 39)

Martina Lackner & Side by Side Team

www.martinalackner.com

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