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Wechseln & Vorankommen: Warum geradlinige Lebensläufe kein Erfolgsgarant sind

Aus der Redaktion

Soziale Mobilität ist ein Begriff der Soziologie. Er umschreibt die Bewegung von Menschen zwischen verschiedenen Schichten in unserer Gesellschaft – in der Regel verbunden mit der Schwierigkeit des Aufsteigens. Ein vergleichbares Mobilitätsphänomen gibt es in der Arbeitswelt: Der Wechsel von einem Karrierepfad in einen anderen.

Team-Mitglied, Team-Leitung, Gruppen- oder Abteilungsleitung, mittleres Management, C-Level-Führungskraft – so oder so ähnlich dürfte in den meisten Unternehmen Deutschlands der Karriereweg aussehen. Allerdings wird er in der Regel im selben Fachgebiet gegangen. Wer im Marketing ist, bleibt im Marketing. Wer im Personal ist, bleibt im Personal. Wer in der Entwicklung mit Fachgebiet X ist, wird meist ebenfalls so lange „wie möglich“ dort bleiben. Die Frage ist: warum eigentlich? Sicher, wenn das fachliche Know-how die Mobilität hart definiert, sind Veränderungen deutlich herausfordernder. Allerdings ist das seltener ein Hindernis als vermutet.

Ein Beispiel dafür findet sich bei der IT-Beratung Avanade, die anderen Unternehmen bei der Realisierung von Projekten rund um die Digitalisierung und zugehöriger Services bis hin zu künstlicher Intelligenz unterstützt: Anna-Maria Kulpa hat dort im Personalwesen angefangen und sich recht schnell auf der Karriereleiter nach oben bewegt. Und sie hat dabei auch ihr Interesse an den komplexen Kundenprojekten entdeckt.

„Natürlich habe auch ich zuerst einmal geschaut, was ich innerhalb des Personalbereichs noch erreichen kann“, erzählt Kulpa. „Ich habe jedoch bemerkt: Ich möchte einfach ins Kerngeschäft.“ Dass es für sie so gut geklappt hat, lag auch an ihrem damaligen Vorgesetzten Michal Schleuss. Er ergänzt: „Ich lege viel Wert auf divers strukturierte Teams, sie sind einfach erfolgreicher. Da kam mir Anna-Marias Initiative gerade recht.“

Die Chancen zum Wechsel sind größer denn je

In die Karten gespielt hat Anna-Maria Kulpa dabei natürlich auch die momentane Dynamik am Arbeitsmarkt. In Zeiten, in denen Fachkräfte händeringend gesucht werden, haben es Bewerberinnen und Bewerber natürlich einfacher, eigene Wünsche zu verwirklichen. Hinzu kommt, dass eine berufliche Veränderung vom Ablauf her nie einfacher war als jetzt. Oft reicht schon ein Klick.

Und die Coronapandemie könnte sich hierbei noch als Zünglein an der Waage erweisen: Gemäß einer Studie der Uni Leipzig habe die Covidsituation zu einer Humanisierung der Arbeit geführt, etwa durch das Arbeiten von zu Hause aus. Demnach gebe es nun in den USA eine Kündigungswelle, weil die Unternehmen ihre Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter wieder ins Büro holen möchten – ein Szenario, das auch hierzulande Realität werden und die Wechselbereitschaft allgemein erhöhen könnte.

All das bedeutet zweierlei: Erstens sind Wechsel des Karrierepfads über einen neuen Job möglich, weil immer mehr Quereinsteigerinnen gesucht werden. Andererseits werden Unternehmen noch mehr daran setzen, um ihre vorhandene Belegschaft zu halten. Denn mit Blick auf die Kosten für Rekrutierung und vollständige Einarbeitung ist es in der Regel auch ökonomisch sinnvoller, bestehende Kräfte zu halten und diesen die Selbstverwirklichung zu ermöglichen – ganz so, wie es Anna-Maria Kulpa eben geschafft hat.

Aktiv werden fürs Vorankommen

Aus ihrer Sicht ist es am wichtigsten, selbst aktiv zu werden und dabei mutig zu sein: „Es passiert nichts, wenn man es nicht selbst angeht, wie es ja eigentlich fast immer bei der Karriere ist. Es waren mein Wunsch und meine Entscheidung, die Veränderung anzugehen“, berichtet Kulpa. „Eine wichtige Empfehlung meinerseits wäre, sich dennoch etwas Zeit zu geben und Ängste zu überwinden. Wer wirklich fällt, wird in der Regel relativ weich fallen.“ Auch sei es ratsam, eine alte Abteilung im Guten zu verlassen – und falls es eben nicht klappt, dort auch ohne Scheu nach der Möglichkeit einer Rückkehr zu fragen; oft böten das Vorgesetzte sogar aktiv an.

Sie selbst hatte zudem das große Glück, dass sie sowohl im privaten und als auch im beruflichen Umfeld sehr viel Unterstützung erfahren hat. Führungskräfte aus anderen Bereichen hätten sich etwa reichlich Zeit genommen und viele Gespräche mit ihr geführt, was auch ohne technische Ausbildung überhaupt möglich sein könne. Ein erster Versuch im Sales wurde gar durch ein „Work Shadowing“ unterstützt, sodass sie den kompletten Tagesablauf mit allen Meetings etc. rund um ihre neue Rolle probeweise im Hintergrund verfolgen konnte.

Warum es klappen kann

Und sogar nachdem sich herauskristallisiert hatte, dass eine reine Vertriebsrolle eben auch nicht die gewünschte Veränderung bringt, hat die Unterstützung nicht nachgelassen: Michael Schleuss, der bei Avanade in einer führenden Rolle die Kundinnen und Kunden des Unternehmens betreut, war bereit, sie als „Client Lead“ aufzubauen. Damit erhielt Anna-Maria Kulpa Verantwortung für Projekte sowie deren Management, Zahlen bzw. Rentabilität und der Personalentwicklung und -führung. „Ich arbeite jetzt ein bisschen wie eine ‚Geschäftsführerin‘ für meine Kundinnen und Kunden“, sagt sie zufrieden.

Letztlich zeigte sich für alle Beteiligten dieses konkreten Beispiels, dass es gute Gründe für das Gelingen gab. Die geforderten Fähigkeiten für die Rolle als besagter Client Lead sind zum Beispiel durchaus vergleichbar mit denen in der Personalabteilung: viele Bälle hochhalten, Resilienz, Fähigkeit zum Networking auch im Innern. Natürlich gab es für Kulpa dennoch viel zu lernen: Auf dem Programm stand zum Beispiel ein Training der hauseigenen Sales Academy von Avanade, in dem Grundkenntnisse, Werkzeuge und Fallstudien thematisiert wurden. Auch konnte sie Kunden und Branche nicht komplett frei wählen – es musste ja auch eine freie Position vorhanden sein. Insofern ist meist auch Flexibilität gefragt.

Fazit

Jetzt gilt mehr denn je, gerade für Frauen: Die Chance ist da, Neues anzupacken und verantwortungsvolle Berufe wahrzunehmen. Ob als externe oder interne Quereinsteigerin – oder gar im eigenen Unternehmen. Dass es viele weitere erfolgreiche solcher Beispiele auch im technologischen Umfeld gibt, zeigt auch das jüngst erschienene Buch „IT-Girls“ von Christiane Noll. Tatsache ist: Wer sich mitten in seiner Karriere für einen neuen Anfang entscheidet, muss dabei nicht zwangsläufig Verschlechterungen beim Gehalt befürchten; oft sind sogar auch hier direkte Verbesserungen möglich. Geradlinige Lebensläufe allein sind damit kein Erfolgsgarant mehr – und schon gar keiner für innere Zufriedenheit.

 

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