Unternehmerinnenwissen

Themenwoche: Unternehmensnachfolge durch Frauen!

Die „Papa-Falle“: Warum emotionale Verstrickungen die größten Herausforderungen in der Unternehmensnachfolge sind

Von Mira Mühlenhof

Die Hilflosigkeit, die Du empfindest, wenn Dir liebe Menschen auf den Abgrund zusteuern   und Du nichts tun kannst. Kennen wir alle, wünschen wir niemandem. Ich war hautnah dabei, als mein Lieblingscousin die Unternehmensnachfolge in der Bauingenieursfirma seines Vaters antrat – und scheiterte. Wobei die Frage, ob es ein Scheitern war, noch offen ist. Aber dazu später.

Als wir Kinder waren, erzählte er mir immer wieder von seinem Lebensplan: Er wollte Archäologe werden. Bloß kein Unternehmer! Sein Vater war ihm abschreckendes Beispiel genug, der war gefühlt nie da. „Das mache ich anders!“ hat er gesagt. Auf traurige Art und Weise hat sich das später bewahrheitet.

Stutzig geworden bin ich, als er nach dem Abitur plötzlich BWL studierte. Das sei ein Zugeständnis an seinen Vater, danach hätte er ja immer noch alle Möglichkeiten. An dem   Tag, an dem er ins Familienunternehmen einstieg, bin ich vor Schreck und Überraschung fast vom Stuhl gefallen.

Das Unheil nahm seinen Lauf bei der Unternehmensnachfolge

Nach einer Art Schonfrist wurden die Spitzen im Kreis der Mitarbeitenden immer lauter. Die Belegschaft kam nicht damit klar, dass der Junior eine deutlich andere Persönlichkeit zeigte: Soft, (zu) nett, zugänglich und zuweilen etwas antriebslos – im Gegensatz zum sehr energischen Sonnenkönig, den mein Onkel so gern gegeben hat. Mein Cousin hat es nicht geschafft, sich von seinem Übervater abzugrenzen und die Belegschaft von seinem eigenen Können zu überzeugen. Er war anders gut. Doch das hat die Insolvenz nicht aufhalten können – geschäftlich und privat. Nach der Scheidung ein Neuanfang. Heute studiert er Archäologie…

Nun schreibe ich an dieser Stelle ja für Unternehmensnachfolgerinnen. Das Kernproblem, um das es in der Geschichte geht, ist allerdings nicht geschlechtsspezifisch: Die emotionale Verstrickung, die ganz besondere Beziehung zum Vorgänger birgt immer ihre Tücken. Nur mit dem Unterschied, dass Frauen zusätzlich gern noch die Kompetenz an sich abgesprochen wird.

Welche Tretminen lauern auf dem Weg zur erfolgreichen Unternehmensnachfolgerin?

Zunächst mal das Bild, dass andere von Ihnen haben. Schließlich waren Sie mal „die Kleine“, die früher mit Papa ins Büro kam und unter dem Schreibtisch gespielt hat. Langjährige Mitarbeiter (ich wähle hier sehr bewusst die männliche Form!) weigern sich oft, alte Bilder durch neue zu ersetzen – bis hin zu Abwehr und aktivem Widerstand. „Die kann man doch nicht für voll nehmen“ gilt da noch als harmlose Variante. Es kann dauern, bis Sie sich den Respekt der „alten“ Belegschaft erarbeitet hat. Manchmal bleibt er auch ganz aus.

Die zweite große Herausforderung hat es noch mehr in sich: Es geht um die inhaltliche und emotionale Abgrenzung vom Vater. Und ich nehme es gleich vorweg: Letztere ist ohne Unterstützung kaum möglich. Und der Grund dafür sind emotionale Verstrickungen.

Dazu ein Beispiel.

Fast allen Unternehmensgründern fällt das Loslassen schwer. Selbst wenn der Patron über Jahre seinen Rückzug angekündigt hat, sieht die Realität doch häufig anders aus: Er steht morgens im Büro und kann es nur schwer akzeptieren, dass sein Stuhl besetzt ist. So bringt er nicht nur Sie in den Konflikt, sondern auch die Mitarbeitenden: Auf wen sollen sie hören, wem wollen sie folgen? Einen Mitarbeiter kann man nach Hause schicken, doch den eigenen Vater? Gleiches gilt für andere Fragestellungen: Wann lassen Sie sich in die Karten schauen, wann akzeptieren Sie seinen Rat, wann machen Sie sich frei davon?

Eine weitere Falle lauert in der Frage nach der Neuausrichtung des Unternehmens, die wiederum abhängig ist von der Struktur Ihrer Persönlichkeit. Die neue Handschrift der Unternehmensleitung ist – für alle Beteiligten – wohl der größte Change. Denn in ausgetretenen Pfaden wächst nichts mehr.

Vielleicht war Ihr Vater ein wagemutiger Abenteurer, Sie hingegen bevorzugen das Netz mit doppeltem Boden? Ihr Vater war ein cholerischer Boss, der Entscheidungen aus dem Bauch getroffen und häufig mit der Faust auf den Tisch gehauen hat, Sie wägen eher ab, treffen überlegte Entscheidungen und haben es gar nicht nötig, die Stimme zu erheben? Als Unternehmensnachfolgerin ist es hilfreich, immer wieder die Frage zu stellen, wie Sie wirken wollen. Wie gelingt es Ihnen, sich Respekt und Akzeptanz bei Mitarbeitenden und Kund*innen zu verschaffen? Wie wachsen Sie in die Rolle hinein, ohne sich in emotionalen Grabenkämpfen mit Ihrem Vater und/oder der Belegschaft zu verlieren? Wie festigen Sie sich selbst, von wem erhalten Sie ehrliches Feedback? Wie bringen Sie Ihre Persönlichkeit zum Strahlen?

Ich würde mir wünschen, dass Ihnen als Unternehmensnachfolgerin nicht so etwas passiert wie meinem Cousin. Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass er heute glücklicher ist, war das eine bittere Zeit mit Erfahrungen, die man/ich ihm gern erspart hätte. Und er ist ja bei weitem kein Einzelfall. Damals konnte ich nichts tun. Heute kann ich Ihnen ungefragt einen Ratschlag geben: Holen Sie sich für die vielleicht wichtigste Challenge Ihres Lebens eine gute Begleitung an die Seite.

Mira Christine Mühlenhof …

… ist Sozialpsychologin, Coachin, Universitäts-Dozentin und Expertin für intrinsische Motivation. Mit ihrem Programm THE MIRACLE begleitet sie Nachfolgerinnen und schafft eine stärkende Community für Frauen, die ein Unternehmen übernehmen.

www.miramuehlenhof.de

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